Wie verändern die freimaurerischen Rituale unser Bewusstsein - Meditation

Wie verändern die freimaurerischen Rituale unser Bewusstsein?

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von Br. Ivan Wojnikow

Begriffe, die wir tagtäglich ganz selbstverständlich benutzten, werden von uns selten intensiver hinterfragt. Oft stellt sich dann im Gespräch heraus, dass man aneinander vorbei redet, dass die Gesprächspartner auf ganz verschiedene Bedeutungen abzielen und es letztendlich zu Missverständnissen oder gar Streit kommt. Daher ist es wichtig, sich erst einmal darüber klar zu werden, wovon man überhaupt redet.

Der Begriff Bewusstsein, von dem ich jetzt sprechen möchte, kann in ganz verschiedenen Bedeutungen gebraucht werden.

In medizinisch-biologischem Sinn beispielsweise spricht man dem Bewusstsein den Status einer Vitalfunktion zu: Wenn jemand nicht bei Bewusstsein ist, wird z.B. sein Gehirn nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt.

In juristischem Sinn hingegen wird die Frage nach dem Bewusstsein dahingehend gestellt, ob der Handelnde sein Tun ausreichend reflektieren konnte, um die Folgen seiner Handlung richtig einzuschätzen, z.B. ob er eine Straftat in vollem Bewusstsein begangen habe.

In bestimmten philosophischen Überlegungen bedeutet Bewusstsein eine Form der Selbstwahrnehmung: Das Sein des Menschen wird von ihm selbst bewusst wahrgenommen. Das bewusste Sein wird hier unterschieden von einem nicht bewussten Sein, als der bloßen Existenz. Bewusstsein korrespondiert also in einer bestimmten Weise mit Denken oder empfinden.

In spirituellem Sinne wiederum benutzen wir den Begriff Bewusstsein, um Formen höherer Erkenntnis und Erfahrung zu beschreiben, etwa wenn im Verlauf einer Meditation ein bestimmter Bewusstseinszustand erreicht wird.

In religiösem Kontext kann es zudem vorkommen, dass mit Bewusstsein eine Gottesvorstellung verbunden wird, dass der unter Bewusstsein das Beseelte oder auch dem Universum so etwas wie Bewusstsein zugesprochen wird.

Das Wort „Bewusstsein“ wurde von dem bedeutenden Aufklärer Christian Wolff  (Zugehörigkeit zur Freimaurerei wird behauptet, ist jedoch nicht eindeutig belegt) als Lehnübersetzung des lateinischen conscientia geprägt. 1
Ursprünglich bedeutet es „Gewissen“, wird später jedoch im Sinne eines Mit-Wissens, also einer gedanklichen Teilhabe an etwas verstanden. Wir erkennen, dass in den verschiedenen begrifflichen Anwendungen von Bewusstsein mehrere Aspekte ineinander greifen, etwa die Frage nach vitalen, kognitiven aber auch spirituellen Anlagen des Menschen. Anders ausgedrückt ist die jeweilige Definition von Bewusstsein letztendlich abhängig vom dem dahinter stehenden Weltbild.

Als Freimaurer sind wir der Ansicht, dass durch das regelmäßige Erleben unserer Rituale eine Formung des Bewusstseins stattfindet. Damit ist nicht allein die rationale Auseinandersetzung mit den ethischen Werten der Königlichen Kunst gemeint, sondern vor allem auch das emotionale gemeinsame Erleben der Rituale. Alles was in den Ritualen gelehrt wird, könnte man genauso durch Seminare oder in schriftlicher Form weitergeben. Der einzigartige Erlebnisgehalt eines Rituals würde dann jedoch verloren gehen.

Unterhält man sich mit Menschen, die sich bereits viele Jahre aktiv in der Freimaurerei bewegen, so bestätigen diese ziemlich übereinstimmend, dass gerade durch die rituellen Begegnungen bei ihnen wirklich eine Änderung des Bewusstseins stattgefunden habe. Oft hört man Aussagen wie: ‚Schon bevor ich in die Loge eingetreten bin, war ich von den ethischen Werten überzeugt.‘ oder ‚Freimaurer wird man nur, wenn man schon vorher für sich selbst Freimaurer gewesen ist.‘ Damit einher geht der vor allem im englischsprachigen Raum gern benutze Slogan, die Freimaurerei wolle aus „guten Menschen bessere Menschen“ machen.

Die Philosophie der Freimaurerei kennt keine Dogmen, d.h. jeder Freimaurer muss für sich selbst herausfinden, was gut und was falsch für ihn ist. Die Gemeinschaft der Loge, die Begegnung Brüdern und auch Schwestern jedoch ist ein wesentlicher, ja unabdingbares „Werkzeug“ bei diesem Selbstfindungsprozess.

Freimaurerische Rituale sind auf eine gewisse Weise meditative Übungen, bis hin zu körperlicher Konditionierung. Betrachtet man also einmal die Teilnahme an einem Ritual als eine Art gemeinschaftliche Meditation (und nicht vordergründig als ethische Unterrichtung), so eröffnet sich eine neue Sichtweise, die in Bezug auf die klassische Meditation bereits zu Teilen durch die moderne Hirnforschung wissenschaftlich belegt worden ist.

In der Meditation finden zahlreiche neurologische Veränderungen im Gehirn statt, die sich sogar bis in eine körperliche Umbildung fortsetzen können:

„Hierbei spielt im Wesentlichen der sogenannte cinguläre Kortex im Stirnlappen des Großhirns eine Rolle. Wiederholtes Üben scheint gerade diese Region zu trainieren. Tests mit dem Kernspintomografen an der Universität Gießen bestätigen, dass erfahrene Meditierende in diesem Hirnareal eine stärkere Aktivierung zeigen als ungeübte Kontrollpersonen.

 2005 erschien eine wichtige Studie: Ein Team um die Harvardforscherin Sara Lazar untersuchte 20 erfahrene Meditierende und entdeckte bei ihnen eine bis zu fünf Prozent dickere Gehirnrinde als bei Vergleichspersonen.“ 2

[embedyt] http://www.youtube.com/watch?v=qZpkwWHW6kM[/embedyt]

Interessant ist zudem die ziemlich genau Deckungsgleichheit zwischen bestimmten Zielen der Freimaurerei und anerkannten Ergebnissen der Hirnforschung in Bezug auf Meditation. So heißt es, dass regelmäßige Meditation die Lernleistung steigert – in der Freimaurerei wird dazu angehalten, sich weiterzubilden und neue Erkenntnisse zu erlangen.

Ein weiteres Ergebnis regelmäßiger Meditation ist es, in Stresssituationen sicher auf das Gelernte zugreifen zu können und Stressreaktionen zu vermeiden. „Unbeirrt vom Lärm der Welt geht der Maurer seinen Weg.“ lautet eine bekannte rituelle Passage.

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Schließlich hilft Meditation auch bei der Regulierung negativer Emotionen. Der Freimaurer soll sich durch Gelassenheit und die Fähigkeit, zu verzeihen, auszeichnen. Meditation aktiviert Selbstheilungskräfte und stärkt die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung. Ein wesentlicher Grundsatz der Freimaurerei ist es, den Anderen in seiner Andersartigkeit  auf gleicher Ebene wahrzunehmen und zu akzeptieren.

In einem Internet-Blog fand ich eine Anweisung zu freimaurerischer Meditation 3. Ich möchte einige verkürzte Passagen hier sinngemäß und ein wenig verändert durch eigene Erfahrungen wiedergeben. Natürlich sind diese Anweisungen in keiner Form bindend für das eigene Verhalten in einem Freimaurertempel. Wer jedoch selbst auf die eine oder andere klassische Art meditiert, wird viele Inhalte sofort wiedererkennen. Vielleicht verhelfen diese Anweisungen manchem auch zu einem neuen Erleben der freimaurerischen Rituale.

Der Freimaurertempel ist ein Ort der Harmonie, der Stille und Sicherheit. In diesem Sinn gleicht er einem Meditationsraum. Wenn Du also den Tempel betreten hast, suche dir einen Platz, der dir angenehm ist. Dann beginne mit deiner Meditation.

1) Setze Dich in eine bequeme, entspannte  Position. Stelle dabei die Fußsohlen auf den Boden, um eine „geerdete“ Sitzhaltung sicherzustellen. Versuche, sobald du die Meditation beginnst, für eine Weile in dieser Position zu bleiben.

2) Entspanne deine Augenlider. Entweder schließt du deine Augen ganz oder du lässt sie leicht geöffnet. Wenn du deine Augen geöffnet lässt, gibt es keine Notwendigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren. Vielleicht blickst du einfach nur zur Mitte des Tempels und lässt deinen Blick auf der Arbeitstafel oder einem anderen Symbol ruhen. Versuche nicht, dich dabei zu stark zu konzentrieren. Entspanne dich! Lass deinen Geist zur Ruhe kommen. Wenn du magst, wäre es zu diesem Zeitpunkt angebracht, dem GBaW um Unterstützung  bei der Meditation zu bitten.

3) Beginne deinen Atem zu beobachten. Atme einfach und auf natürliche Weise. Beobachte das natürliche Fließen deiner Atmung. Achte darauf, wie der Atem sich anfühlt, wenn er durch deine Atemwege fließt. Achte darauf, wie die Luft sanft in deine Nase strömt und dann Lunge, Brust und Bauch erweitert. Achte darauf, wie es sich anfühlt, wenn der Atem deinen Körper wieder verlässt. Wenn dein Geist zu wandern beginnt, züchtige ihn nicht, richte einfach deine Aufmerksamkeit wieder auf deinen Atem. Zähle während deiner Atemzüge, wenn das dir hilft. Du kannst z.B. langsam bis vier zählen, während du einatmest, dann wiederum ein wenig den Atem anhalten und wieder bis vier zählen, während du ausatmest. Das Zählen soll deine Aufmerksamkeit konzentrieren. Entspanne dich tief in der Kenntnis von der Stille in deinem Inneren.

4) Wenn du dich tief entspannt und zentriert fühlst, richte deine Aufmerksamkeit vom Atem hin auf ein Freimaurersymbol, eine Allegorie oder eine Lehre. Es ist in Ordnung, vorher ein Thema für Deine Meditation gewählt zu haben, obwohl du dich ebenso gut darauf einlassen kannst, was du von allein erleben wirst, was spontan in deinem Geist entsteht.

5) Wenn du dich auf Thema konzentrierst, versuche nicht, es in irgendeiner Weise zu analysieren. Lass deinen Geist einfach um und durch das Thema zu schweben. Lass deine Gedanken und Gefühle zu diesem Thema ohne Hemmung zu. Bleibe dabei  frei und distanziert. Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, um über das Thema zu denken oder zu fühlen.

6) Manchmal wirst du feststellen, dass dein Geist sich auf Seitenwege begibt, so dass dein ursprüngliches Motiv nicht mehr „scharfgestellt“ ist. Es ist nichts falsch daran. Wenn du bemerkst, dass dein Geist abgewandert ist, richte erneut sanft deinen Fokus auf das ursprüngliche Thema.

7) Nach einigen Minuten werden Fragen in deinem Geist entstehen. Es können dies spezifische oder allgemeine Fragen zu dem von dir gewählten Motiv sein. Eine Frage könnte etwa lauten: „Verstehe ich dieses Symbol überhaupt richtig?“ Was auch immer die Frage ist, frage sie mit einem Gefühl des Glaubens und der Hoffnung, dass eine passende Antwort dir in den Sinn kommen wird. Stelle dir diese Fragen mit einem Gefühl, dass die richtige Antwort bereits in dir selbst ruht. Suche nicht außerhalb nach einer Antwort, sondern versuche dich gewissermaßen an die Antwort zu „erinnern“. Die Antwort ist schon in dir, sie liegt dir „auf der Zungenspitze“.

8) Nun lass alle deine Gedanken und Gefühle fließen. Versuche nicht, etwas zu halten und zu kontrollieren. So wie dein Atem fließt, fließen auch deine Gedanken. Die Bilder in deiner Umgebung fließen. Die gesprochenen Worte der Brüder im Tempel fließen. Alles ist in einem Fluss und das ist gut so.

Versuche nun von dem Konkreten wegzugehen. Spüre einfach die Atmosphäre. Spüre die Stille tief in deinem Geist, die Stille zwischen deinen Gedanken. Es kann sein, dass dieser leere Raum mit einer Antwort auf deine Frage gefüllt ist. Etwas kann sehr schnell ein klarer Gedanke oder ein Bild zu dir kommen. Auf der anderen Seite ist es möglich, dass Du eine Art emotionale Reaktion oder eine „vages Gefühl“ irgendeiner Art empfindest. Es kann sein, dass das, was geschieht, seltsam oder unsinnig erscheint. Lass es zu, es ist gut so.

Es kann ebenso sein, dass gar keine Antwort zu kommen scheint, und das ist tatsächlich oft der Fall. Auch das lasse zu, es ist gut so.

Es kann sein, dass plötzlich eine Passage aus dem Ritual oder eine Handlung  eine Beziehung zu deiner Frage ergibt, oder aber in einem Widerspruch zu stehen scheint. Beides ist gut so. Was auch immer geschieht – lass es einfach geschehen und akzeptiere es. Versuche weiterhin, deinen Fokus auf die Stille zu legen.

9) Nach einer Weile, wenn Du etwas erhalten hast, dass wie eine Antwort erscheint, richte Deine Aufmerksamkeit auf diese Antwort, genauso wie Du es mit dem ursprünglichen Thema gemacht hast. Erwäge nun, wie dieser Gedanke oder dieses Gefühl deine Frage beantworten könnte. Wenn Du keine bestimmte Antwort erhalten hast, dann überlege, welche Nachricht in der Stille sein könnte, so, als ob du einem Freund eine Frage gestellt hast, er es aber vorzieht, nicht darauf zu antworten. Denn auch in der Stille liegt eine Antwort.

10) Nach einigen Minuten, bringe Deinen Fokus zurück auf Deinen Atem. Spüre wiederum, wie dein Atem fließt. Spüre, wie Dein Atem gleich einer erfrischenden Prise in deinen Körper hineinströmt. Spüre wie Dein Atem deinen Körper wieder verlässt -reinigend und läuternd. Wenn Du magst, ist jetzt der Zeitpunkt, dem GBaW für seine Hilfe zu danken.

11) Nach einigen weiteren Atemzügen, öffne deine Augen, oder erhebe deinen Blick. Genieße das Miteinander mit Deinen Brüdern, oder auch Brüdern und Schwestern. Es ist eine sehr gute Idee, dir im Anschluss Notizen in einem Tagebuch zu dem zu machen, was du erlebst hat.

1 Christian Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, den Liebhabern der Wahrheit mitgetheilet, 1719, Teil I, Kap. 2, Abschnitt 195.

Weitere Gedanken zu diesem Thema finden Sie auch im Band „Instruktionen für Meister“ aus unserer Instruktionsreihe von Bruder Hans Fischer.

Kommentare 3

  1. Auch wenn ich das bisher unbewusst manchmal so in etwa bei der TA gemacht habe, bringt mich deine Zeichnung weiter und ich werde deine ‚Anleitung‘ zu eigen machen. Danke Dir dafür, lieber Br:.

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