Und die Sklaven sollen Dienen? Aleister Crowley

Und die Sklaven sollen dienen?

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Politische Lesarten der Philosophie von Thelema und Aleister Crowley

Von Alexander Nym

Das sogenannte „Gesetz von Thelema“ wurde zuletzt von dem britischen Schriftsteller, Okkultisten, Mystiker und Exzentriker Aleister Crowley auf die knappe Formel gebracht:

„Tu was Du willst soll das ganze Gesetz sein“

Aleister Crowley

Aleister Crowley

Die Exegeten, die sich seit der Niederschrift des „Buches des Gesetzes“ (Liber AL vel Legis) des von Crowley angekündigten „Neuen Zeitalters“ im Jahr 1904 an diesem kurzen Satz die Zähne ausbeißen, lassen sich entsprechend der allgemeineren sozialen und politischen Landschaft grob in verschiedene Kategorien einordnen:

Eingangs wären da die Crowley-Fans der ersten Generationen, die als Biographen, Logenkollegen oder einfach Sympathisanten den pragmatisch-illuminatorischen Aspekt, also die epistomologische Eigenleistung der Adepten, in den Vordergrund rück(t)en, wonach jeder Mensch angehalten ist, die individuelle Natur jenes ominösen Willens (gr. Θέλημα) zu erkunden und im persönlichen Leben zu manifestieren. Daran gekoppelt sind einfach klingende, aber schwierig zu praktizierende Herausforderungen, die in der klassischen Trias der Einweihungslehren Ausdruck finden:

Erkenne Dich selbst – Finde das rechte Maß – Tu was Du willst

Die (westliche) Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts zeigt jedoch im weiteren Verlauf, dass das nicht nur nicht so einfach ist wie es klingt, sondern sogar rundum zweckentfremdet werden kann, vor allem wenn die mittlere Instruktion allzu leichtfertig übergangen wird.

Denn was nach einer Aufforderung zu mehr Bewusstheit, Selbsterkenntnis und der Reflektion über die Beziehungen zwischen Individuen und deren variierenden Interessenkonstellationen klingt, wurde und wird in gewissen Händen zur Rechtfertigung einer ganz und gar unerleuchteten Handlungs„moral“ – oder vielmehr deren Rechtfertigung.

Zwar besteht kein Zweifel an der markigen Betonung des eigenständigen, des heroischen und herrischen Menschen im 2. Kapitel des „Liber AL“, die als Anschlussstellen für rechte Diskurse von Herrschaftsansprüchen und „artgerechte“ Spiritualität genutzt werden können und den kirchlichen Sektenbeauftragten das kalte Grausen einjagen.

Dabei wird jedoch gerne unterschlagen, dass die Struktur des Buches eine dialektische ist, von der die aristokratischen Überlegenheits- und Machtansprüche (wie sie in umstrittenen Passagen wie „Und die Sklaven sollen dienen“ zum Ausdruck kommen) allenfalls eine Extremposition darstellen, die isoliert vom Kontext der restlichen Kapitel Suchende nur in die Irre leiten wird.

„I’m closer to the Golden Dawn / Immersed in Crowley’s uniform / Of imagery“ – David Bowie & Robert Smith , Quicksand (1971) Quelle: Youtube (Datenschutzerklärung)

Laut Musiker und Autor Gernot Musch von der (heute inaktiven) Band Pilori genügte das aber schon, um der profan-hedonistischen Lesart von Thelema im Sinne von „Tu wonach Dir beliebt“ eine fatale gesellschaftspolitische Dimension hinzuzufügen. So konstatierte Musch im Booklet des letzten Pilori-Albums: „Arroganz und die Überschätzung von Möglichkeiten sind die Wurzeln allen Übels, das wir dieser Tage erleben. Eine Perversion von Crowley’s ‚Tu was Du willst‘ und zugunsten von Egoismus ausgebeuteter Liberalismus – und wahrscheinlich deshalb so erfolglos?“
Diese Zeilen stammen von 2009, als allmählich absehbar war, welche katastrophalen Auswirkungen hemmungslose Finanzspekulation und zügellose Geld- und Machtgier auf die Welt haben würden. Ohne eine mehr als oberflächliche (wenn überhaupt vorhandene) Rezeption Crowleys in Bankerkreisen unterstellen zu wollen, ist die Kongruenz zwischen der zentralen Aussage im Liber AL und ihres exzessiven Schattens in Form der neoliberalen Marktideologie kaum zu übersehen. Auf frappierende Weise erfüllt sich Crowley’s Annahme, dass die Zeitenwende zu Beginn des „Horus-Äons“ ein von Chaos, Krisen und Kriegen gekennzeichneter Übergang würde. Ob er auch den Verdacht hegte, dass eine institutionalisierte aber ungezügelte Übertreibung einer aufs Ökonomische beschränkten Auslegung Thelemas den philosophischen Eckstein für diese Wucherungen bedeuten würde?

Im Wechselspiel des Wertewandels im 20. Jahrhundert wurde Crowley samt seines Personenkults von zahlreichen und wechselnden Kulturformationen vereinnahmt: Einsam, drogensüchtig und verarmt im Jahr 1948 verstorben, erlebte er in den psychedelischen 60er Jahren das erste große Comeback in einer Populärkultur, die der rigiden, biederen und verklemmten Umgebung seines Elternhauses diametral gegenüber stand.

Crowley auf dem Cover des Albums "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" der Beatles (1967)

Crowley auf dem Cover des Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles (1967)

An „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ dürfte das „Tier 666“ seine helle Freude gehabt haben, hätte er diesen Kulturwandel miterlebt. Nach seinem Auftauchen auf dem Plattencover des kanonischen „Sgt.-Pepper“-Albums der Beatles erlebte Crowley ein bis heute ungebrochen anhaltendes Revival – seine Auflehnung gegen die Prüderie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und seine Experimentierfreude an allem, was Sex, Drogen und Mystik anbelangte, ließen ihn (neben ähnlich gearteten Propheten wie dem Sprachmagier William S. Burroughs und dem „LSD-Papst“ Timothy Leary, der damit kokettierte, eine Inkarnation Crowleys zu sein) zum Säulenheiligen der Gegenkultur werden. Die Sprengung des rigiden Korsetts aus frömmelnder Religiosität und unhinterfragter Traditionshörigkeit war seine Lebensaufgabe gewesen, und 20 Jahre nach seinem Tod war die Zeit reif, dass die Jugend des Westens in seine Fußstapfen trat.

Seitdem ist Crowley als Ideengeber der Pop- und Rockkultur nicht mehr weg zu denken; von Led Zeppelin’s Gitarristen Jimmy Page, einem Crowleyanity-Sammler, bis zu Comedyserien wie „Hör mal wer da hämmert“ tritt der vielgesichtige Trickster als Zitat oder Inspirationsquelle mehr oder weniger deutlich zutage. Mit dem absonderlichen Resultat, dass im Kielwasser von sexueller und psychedelischer Revolution, Esoterik-Boom und dem Siegeszug des Individualhedonismus als Leitgröße im gesellschaftlichen Diskurs junge Menschen sich heutzutage schwer tun, noch irgendeine Front auszumachen, an der es sich lohnen würde, Widerstand gegen überkommene Normen zu üben – das haben ihre Eltern alles schon durch. Und darüber hinaus hat Crowleys Botschaft durch ihre allgegenwärtige Proliferation auch ihren wohligen Grusel von radikaler Unkonventionalität verloren.

Wer, außer den engstirnigsten Verfassern fundamentalistischer Sektenfibeln, käme heutzutage noch auf die Idee, in Crowley ernsthaft einen Satansanbeter erkennen zu wollen?

Angesichts der Auswirkungen der Profanisierung und Reduktion seiner Lehren bis zu dem Punkt, wo sie von Wirtschaftskriminellen und Rechtsextremen instrumentalisiert werden können, ist Besorgnis jedoch nicht fehl am Platze – und in der Tat findet hinter den Kulissen der Popkultur seit Jahrzehnten ein magischer Konflikt zwischen Universalisten und Essentialisten, zwischen Chaosmagiern und von Verschwörungstheorien bedröhnten Okkultniks statt, denn Crowley war vielseitig genug, um von allerlei politischen Scharlatanen und wirtschaftlichen Hasardeuren beansprucht werden zu können; seinem sturen Insistieren auf der Einzigartigkeit jedes Menschen („Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern“) stehen sein aristokratischer Snobismus, seinem Einsatz für spirituelle Erleuchtung die lächerlichen Auseinandersetzungen mit seinen Konkurrenten gegenüber.

Crowley war alles andere als ein Heiliger dieser oder jener Couleur, und genau das erschwert die Instrumentialisierung seiner Person, nicht jedoch die seiner Hinterlassenschaft.

Gemäß der Natur Thelemas als philosophische Leerstelle, die vom Individuum epistomologisch mit Gehalt erfüllt werden muss, ist sie in jede gewünschte Richtung lenkbar, veränderbar, manipulierbar. Nur die zentralen Axiome von „Tu was Du willst soll das ganze Gesetz sein“ und „Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen“ bleiben als formelhafte Bedeutungsgespenster stehen, wenn man sie jeder Zuschreibung von esoterischen Schulen und ihres Status als popkulturelle Slogans entkleidet.

Allein aus diesem Tandem apodiktischer Aussagen sollte klar werden, dass mittels Liebe als Medium zwischenmenschlicher Beziehungen im erweiterten Sinne der Sozialvertrag als Grundlage gesellschaftlichen Handelns implizit ist – ein Mensch, der zwar seinen (göttlichen) Willen und Auftrag verwirklicht, dabei aber von allen anderen komplett isoliert wäre, würde jeden Bezug und jede Bedeutung einbüßen; sein Wille würde sich in seiner eigenen, selbstbezogenen Irrelevanz erschöpfen.

Dass esoterische Rechte versuchen, sich Crowleys, Nietzsches (bzw. dessen „Wille zur Macht“) u.a. zu bedienen, indem sie das Gesetz von Thelema zur Grundlage eines spirituellen (anstelle eines biologistischen) Rassismus verdrehen, zumeist vermengt mit Versatzstücken traditionalistisch-konservativer Ideologema (z.B. Julius Evola) und einem antimodernen Elitedenken, das den Magier an die Spitze der Gesellschaftspyramide wünscht, relativiert den Wert, der sich in den Werken jener Autoren finden lässt, keineswegs – es betont nur umso mehr, dass der spirituell und intellektuell geschulte Geist sich all seiner Möglichkeiten bewusst und im Ernstfall verteidigungsbereit sein muss, wenn die Situation gebietet, einem derartigen Missbrauch von Erleuchtungsphilosophien Einhalt zu gebieten.

Über den Autor:

Alexander Nym studierte Kultur- und Medienwissenschaften und ist Anglist/Amerikanist.
Er ist als freier Journalist und Autor tätig, aber auch als Museumspädagoge, Veranstalter sowie als Sprecher und Moderator. Alexander beschäftigt sich u.a. mit politischer Kommunikation, mit Inszenierungs-, Narrations- und Diskursstrategien sowie mit der Kulturgeschichte und Semiotik von Avantgardekunst und Experimentalmusik sowie mit den mit diesen in Zusammenhang stehenden Subkulturen.

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