Spuren hinterlassen - Ulli Pallor

Spuren hinterlassen…?!

Winkelmaß 7 Comments

von Ulli Pallor • Johannisloge „Zum Goldenen Steig“ i.O. Passau

Als ich im Januar 2012 den Entschluss fasste, mit einer der beiden Passauer Logen in Kontakt zu treten und anzufragen, ob die Brüder einverstanden wären, mich in ihren Kreis aufzunehmen, ahnte ich noch nicht, was die Freimaurerei letztenendes für mich bedeuten würde. Wie sollte ich auch?

Das erste, was ich lernte, war, dass es „die“ Freimaurerei gar nicht gibt. Ich hörte von „Obödienzen“, „Lehrarten“, „FO“,  „AFAM“, „3WK“…
Und ich bekam, als ich drei meiner Brüder fragte, was für sie „die FM“ denn nun bedeutete, fünf verschiedene Antworten. Aber sehr schnell fand ich heraus, dass alle diese Antworten richtig waren!

Denn – auch das lernte ich – es gibt in der FM kein Dogma, außer, dass es kein Dogma gibt.

Daher also unter anderem das Wort „frei“ im Namen. Das gefiel mir. Nein, das gefällt mir jeden Tag besser. Besser sollen ja auch wir Freimaurer werden, jeden Tag ein bisschen besser als am Tag vorher. Unser Ziel sollte es sein, in der Welt schöne, positive Spuren zu hinterlassen, die auch dann noch bestehen, wenn wir längst zu Staub zerfallen sind.

Im Januar 2014 bemerkte meine Frau, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war. Schreckliche Gewissheit bekamen wir im März: Krebs. Im September hatte sie es überstanden. Ich war mit meiner damals 13-jährigen Tochter allein. Die Bestatterin meinte, sie habe in ihrer beruflichen Laufbahn noch nie jemanden getroffen, der so „gefasst“ gewesen sei, wie ich. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahr im III. Grad war, und ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass genau dies der Grund für meinen Umgang mit dem Tod ist. Und dass die Weltbruderkette der Grund dafür ist, dass ich nicht in eine Depression abgeglitten bin, was meine Hausärztin anerkennend, wenn auch verwundert, wie sie mir brühwarm sagte, zur Kenntnis nahm.

Anfang 2015 habe ich Wolfgang Haas, der kein Bruder ist, aber der „Sache“ wohlwollend und interessiert begegnet, näher kennen gelernt. Dabei habe ich erfahren, dass Wolfgang „Bilder mit dem PC basteln“ kann. Er ist Grafik-Designer aus Passau.

Das traf sich wunderbar, denn ich bin jemand, der zwar viele Ideen hat, diese aber nicht selbst umsetzen kann. Zwei linke Hände und so…
Dazu durfte ich im Herbst 2015 beim 120. Stiftungsfest unserer Mutterloge „Anschar zum Friedenshafen“ in Cuxhaven endlich Jens Rusch persönlich kennen lernen, der ja bekanntlich auch ziemlich viel zum Thema Krebs sagen kann…
Bruder Jens und seine wahrlich königliche Kunst inspirieren mich tagtäglich.

Seit dem Tod meiner Frau denke ich sehr viel über die Themen Vergänglichkeit, Tod, Leid, Leben, Freude und Hoffnung nach: freimaurerisch geprägt, aber eben auch menschlich/alltäglich/profan.

Ich baute buchstäblich (m)ein Bild im Kopf zusammen. Und Wolfgang hat es visualisiert:

SPERARE AUDE • Idee und Regie: Ulli Pallor • Grafik Art: Wolfgang Haas

SPERARE AUDE • Idee und Regie: Ulli Pallor • Grafik Art: Wolfgang Haas

Vanitas trifft auf fröhliche, hoffnungsvolle Symbolik. Ein heller Lichtstrahl fällt durch das Schlüsselloch in die tiefe Dunkelheit einer riesigen Krypta und durchquert diese vom Westen (rechts) aus Richtung Osten (links). Ein wunderschöner Schmetterling flattert in den Sonnenaufgang, wo ein herrlicher Wasserfall in die Tiefe donnert und die Kerze noch nicht abgebrannt ist. „Unsere“ drei Rosen sind nach wie vor frisch und farbenfroh.

Ich gab dem fertigen Werk den Namen „SPERARE AUDE!“, das lateinisch für „Wage zu hoffen!“ steht. „SAPERE AUDE!“, „Wage zu wissen“ ist ja einer unserer maurerischen Sprüche. Ich spiele auch gerne mit Worten und Bedeutungen.

Im Juli 2016 kam das 2. Bild hinzu: „GERMEN FRATERNITATIS“, „Die Knospe der Bruderschaft“.
In der Schule habe ich Latein gehasst, aber für Bildtitel eignet sich diese Sprache schon ganz gut.

Hier habe ich die Symbole der Freimaurerei, die mich besonders ansprechen, modernisiert und in einem perfekten Quadrat angeordnet. Ein wenig wie auf unserem Arbeitsteppich, aber eben nicht ganz.

GERMEN FRATERNITATIS • Idee und Regie: Ulli Pallor • Grafik Art: Wolfgang Haas

GERMEN FRATERNITATIS • Idee und Regie: Ulli Pallor • Grafik Art: Wolfgang Haas

In diesem Bild nimmt ein Totenschädel zwar das Zentrum ein, aber der Tod  ist auch schon das einzige „negative“ Symbol unter all den anderen, die einfach nur positiv, oder eben freimaurerisch definiert sind. Die Grafik sollte „schön“ sein. Für uns Brüder, die etwas mit der Symbolik anfangen können, aber auch für Profane, die nicht (maurerisch) geschult sind, um „hinter die Dinge“ blicken zu können.

Ich hoffe, ich kann noch viele derartige Bilder zusammen mit Wolfgang kreieren, bis meine Zeit auf dieser Welt abgelaufen ist.

Für das dritte Werk, dessen Name „LUX AEDIFICATA“ (Verbessertes Licht) lauten wird, habe ich zumindest auch schon einen Plan im Kopf…

Kommentare 7

  1. Ein sehr wichtiger und guter Beitrag. Danke!

    Freimaurerei – d.h. genauer formuliert die freimaurerische Gedanken- und Erlebniswelt – hilft auch bei eigener Betroffenheit mit dem Gedanken an den Tod umzugehen.

    Interessant finde ich den Ansatz des Verfassers: Es ist nicht die Loge an sich, die hilft. Es sind vielmehr freimaurerische Werte, wozu auch die Weltbruderkette zählt, und es sind einzelne Brüder, die in einer solchen Situation eine besondere Bedeutung erlangen. Anders formuliert: Es genügt nicht, sich als Freimaurer zu bezeichnen, man muss es auch leben.

    Das deckt sich mit meinen Erfahrungen.

  2. Mir ist es ebenso ergangen wie Br.: Ulli! Meine Frau erkranke ebenfalls schwer im Februar 2014 und verstarb Ende November des gleichen Jahres. Mein Sohn war da gerade 14 Jahre alt geworden! Der Meistergrad hat mich ebenfalls bestärkt, das Geschehene zu ertragen und vielleicht auch gedanklich umzusetzen. Die Brr.: meiner Loge haben die Trauerfeier meiner Frau gestaltet und geführt. Ich werde dafür stets dankbar sein!

    1. Um es gleich zu sagen, ich bin ein Profaner. Beim Betrachten des Bildes „Sperare Aude“ und dem Lesen des Textes der Zeichnung ist mir aufgefallen, dass etwas nicht stimmen kann. Das Licht fällt durch das Schlüsselloch (rechts) und durchquert den Raum, um dort ein stimmungsvolles Sonnenuntergangsszenario – meine Interpretation- (links) zu beleuchten. Vorausgesetzt, dass freimaurerische Symbolik die Naturgesetze nicht außer Kraft setzt (Sonnenaufgang = Lichtherkunft im Osten und Sonnenuntergang im Westen) und auch die Zuordnung der Himmelsrichtungen von Landkarten übernommen hat (Osten = rechts und Westen = links) scheint hier Osten und Westen verwechselt zu sein. Auch wenn ich als Betrachter einen anderen Standpunkt einnehme, also das Bild quasi vom Nordpol aus betrachte und links einen Sonnenaufgang unterstelle, muss es 2 Lichtquellen geben, eine von der Sonne kommend und eine vom Schlüsselloch. Aber woher kommt dieses zweite Licht tatsächlich? Oder gibt es hinter dem Schlüsselloch gar keine Lichtquelle und das Sonnenlicht wird quer durch den Raum von links nach rechts „abgesaugt“? Aber wohin?

      1. Sie sind wirklich ein genauer Beobachter. :-) Eine Erklärung, die ritueller Natur wäre, gibt es hierfür nicht. Ich denke, es ist einfach „künstlerische Freiheit“.

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