Sind einfach Lösungen immer schlecht?

Sind einfache Lösungen immer schlecht?

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von Stefan Lohr

Unter dem Titel „2017 – ein wichtiges Jahr“ hat der Redner der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ seine erste Zeichnung im neuen Kalenderjahr aufgelegt.
Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung, diesen Text auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen zu können.

Wir schreiben ein Neues Jahr, ein für uns bedeutendes Jahr – das Jahr 2017. Wir werden in diesem Jahr, am 24. Juni um genau zu sein, den 300. Jahrestag der „modernen“, d.h. spekulativen Freimaurerei begehen, es wird einen Großlogentag zu diesem Anlass geben und wir werden voller Stolz auf 300 Jahre Freimaurerei zurückblicken – auf die vielen großen Namen, die unserem Bund als Brüder beigetreten waren, an die großen Taten erinnern, die sie vollbracht, die großen Erfindungen, die sie gemacht und die großen Errungenschaften die sie erbracht haben. Es wird, wie so oft, ein langer Blick zurück sein und der Ausblick wird, wie bei den meisten solcher Anlässe, im Vergleich zur Rückschau doch eher schlank ausfallen.

Dabei stehen wir an einem Punkt, der sowohl gesellschaftlich, wirtschaftlich als auch politisch geradezu danach schreit, sich besonders intensiv mit der Zukunft zu beschäftigen, gerade für uns als Freimaurer. Dinge sind im Umbruch, wir stoßen an die Grenzen des Wachstums, wir sehen uns gewaltigen sozialen Umwälzungen gegenüber, nach über 70 Jahren Frieden in Zentraleuropa müssen wir feststellen, dass wir nicht eine Insel der Glückseligen sind, sondern dass auch der Kriegsgott Mars langsam beginnt, seine Pforten wieder zu öffnen.

Unsere Söhne – und im Rahmen des Gender-Mainstreams wohl auch bald unsere Töchter – finden sich seit einigen Jahren in den entlegendsten Ecken dieser Welt wieder, um dort als Soldaten den Frieden wieder herzustellen, während die Söhne dieser Länder sich längst aus dem Staub gemacht haben. Und wir müssen feststellen, dass so manche Maske, die von einer Vielzahl der Angehörigen einer selbsternannten Gesellschafts- und Politelite aufgesetzt wurde in Wahrheit die Kehrseite eines Januskopfes ist. Mahner, deren Werke und Schriften bereits vor Jahrzehnten die heutigen ausufernden Verhältnisse und Dysbalancen vorhersahen und die hierfür von einer blauäugigen Bildungselite in Grund und Boden argumentiert wurden, haben leider Recht behalten und Wissenschaftler, wie z.B. des vom Licht der eigenen Wichtigkeit geblendeten Club of Rome, die uns damals in den 1970er-Jahren, den  ökologischen und wirtschaftlichen Untergang bereits für das Jahr 1980 prophezeit hatten, müssen heute eingestehen, dass nicht ein einziges Horrorszenario eingetroffen ist, das sie damals vorhergesagt haben. Realisten und Pragmatiker aber waren und sind offensichtlich nicht gefragt – Ideologien und Träumereien müssen bedient werden, die Kompfort-Zone muss um jeden Preis erhalten werden, denn alles andere würde Wählerstimmen oder Absatzzahlen kosten oder zumindest die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in einer Art und Weise in die Pflicht nehmen, an welche diese bei Amtsantritt selbst wohl niemals gedacht hatten und die bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchen, sich wie Aale aus ihrer Verantwortung zu winden.

Doch die Realität lässt sich nicht dadurch ausblenden, dass man sich eine Decke über den Kopf zieht. Es wird immer gesagt, einfache Lösungen gibt es nicht. Doch käme es nicht mal auf einen Versuch an?

Ich muss dabei immer an die Geschichte eines damals unbedeutenden Prüflings im Fach Physik an der Universität Kopenhagen denken. Man schrieb das Jahr 1906…

Die Aufforderung an den Prüfling lautete:
„Beschreiben Sie bitte, wie man die Höhe eines Wolkenkratzers mit Hilfe eines Barometers feststellen kann.“

Der Prüfling antwortete folgendermaßen:
„Sie befestigen ein langes Stück Schnur am Rand des Barometers und lassen das Barometer dann vom Dach des Wolkenkratzers zum Boden hinunter. Die Länge der Schnur plus die Höhe des Barometers entspricht der Höhe des Gebäudes.“

Die Antwort entrüstete die Prüfer; sie wollten den Prüfling durchfallen lassen. Der Prüfling jedoch beschwerte sich mit der Begründung, dass seine Antwort doch eindeutig korrekt sei. Der Einspruch des Prüflings wurde akzeptiert, allerdings wurde bemängelt, dass die vorgetragene Lösung kein spezielles Physikwissen beweise. Der Prüfling wurde um eine ‚passendere‘ Antwort gebeten, sonst würde er durchfallen. Hierfür bekam er eine mehrere Minuten dauernde Überlegungszeit eingeräumt.

Er nutzte die Überlegungsfrist bis zum Schluss und schien intensiv nachzudenken. Dann meinte er, mehrere Antwortmöglichkeiten gefunden habe, aber unsicher sei, welche Antwort denn nun von ihm erwartet werde. Sichtlich genervt forderten die Prüfer den Prüfling auf, endlich seine Lösungen vorzutragen.

Er antwortete wie folgt:
„Sie könnten das Barometer vom Dach des Wolkenkratzers fallen lassen und die Zeit messen, die es braucht, um den Boden zu erreichen. Die Höhe des Gebäudes können Sie dann mit der Formel H=0.5g x t im Quadrat berechnen. Das Barometer wäre dadurch allerdings zerstört.

Falls die Sonne scheint, könnten Sie die Höhe des Barometers messen, es hochstellen und die Länge seines Schattens messen. Dann messen Sie die Länge des Schattens des Wolkenkratzers. Anschließend ist es eine einfache Sache, anhand der proportionalen Arithmetik die Höhe des Wolkenkratzers zu berechnen.

Wenn Sie jedoch besonders wissenschaftlich vorgehen wollten, könnten Sie ein kurzes Stück Schnur an das Barometer binden und es schwingen lassen, wie ein Pendel, zuerst am Boden und dann auf dem Dach des Wolkenkratzers. Die Höhe entspricht der Abweichung der gravitationalen Wiederherstellungskraft T=2pi im Quadrat (l/g).

Sofern das Gebäude eine außen angebrachte Feuertreppe besitzt, könnten Sie seine Höhe dadurch ermitteln, dass Sie die Barometerhöhe anlegen (wie einen Zollstock) und die Anzahl der Barometerlängen ermitteln. (Barometerlänge mal Anzahl = Höhe des Bauwerkes)

Wenn Sie lediglich eine langweilige orthodoxe Lösung wünschen, dann können Sie das Barometer benutzen, um den Luftdruck auf dem Dach des Wolkenkratzers und auf dem Boden zu messen und aus dem Unterschied in Millibar die Höhe des Gebäudes ableiten.

Da wir aber ständig aufgefordert werden, unseren Verstand zu nutzen, wäre es sinnvoller, einfach den Hausmeister nach der korrekten Höhe des Gebäudes zu befragen und ihm als Dankeschön für die Antwort das Barometer zu schenken.“

Der Prüfling war Niels Bohr, der erste Däne, dem 1922 der Nobelpreis für Physik zugesprochen wurde.

Was können wir Freimaurer hieraus mitnehmen? Ganz einfach: wir sollten nicht nach komplizierten Antworten suchen, wenn es einfache Lösungen gibt.

Wir sollten – so wie es unsere Brüder in den letzten 300 Jahren taten, Dinge hinterfragen, unseren Verstand gebrauchen und der bequemen Versuchung widerstehen, andere für uns denken und entscheiden zu lassen.

Wir sollten aktiv an Entscheidungsprozessen in unserer Gesellschaft teilnehmen, aufbegehren gegen Missstände und die Wahrheit einfordern.

Wir sollten wieder ein stärkeres gesellschaftliches Element werden! Wir sollten unsere Abgeordneten mit Fragen löchern, wir sollten, wenn von uns verlangt wird zu springen, nicht fragen wie weit oder wie hoch, sondern warum?

Wir sollten kritisch hinterfragen – und das nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern auch nach außen hin!

Und wir sollten uns dagegen verwahren und wehren, dass die Errungenschaften aus 300 Jahren Aufklärung, an denen unzählige Freimaurer einen nicht unerheblichen Anteil hatten, und die letztendlich in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mündeten, nicht auf dem Altar von Macht oder von Ideologien jedweder Natur, seien sie politisch korrekt, gesellschaftlich bequem, wirtschaftlich vorteilhaft oder pseudo-wissenschaftlich geboten, geopfert werden. Und das nur, um einigen Wenigen zum Vorteil zu gereichen, bis wir nur noch eine demokratische Grundordnung haben und die Freiheit dabei auf der Strecke geblieben ist. Das war es, was die Freimaurerei immer ausgemacht hat und wofür sie auch in Zukunft stehen sollte!

Und ich möchte meine Ausführung mit einer weiteren kleinen Geschichte abschließen:
Ein Politiker, ein Philosoph, ein Wissenschaftler und ein Freimaurer saßen zusammen in einem Raum, als plötzlich das Licht ausging. Der Politiker wies sofort jegliche Verantwortung für den Lichtausfall von sich, der Philosoph regte ein Streitgespräch über Licht und Dunkel im Kontext des Existentialismus an und der Wissenschaftler begann damit,  über die Lichtgeschwindigkeit zu referieren und dass Lichtstrahlen sich unter dem Einfluss von Schwerkraft biegen würden. Da wurde es plötzlich wieder hell. Der Freimaurer hatte die Glühbirne ausgewechselt.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein erfolgreiches und segensreiches Neues Jahr 2017!

Br. Stefan Lohr

Kommentare 2

  1. Sind 300 Jahre Freimaurerei wirklich ein Grund zum Feiern?
    Ich sage Nein, es ist ein Datum, an dem tiefste Besinnung angesagt sein sollte, weil nur wenig von dem, was Freimaurer 1717 sich wünschten umgesetzt wurde und Freimaurer immer dann, wenn es darauf ankam, oft auf der „falschen Seite“ standen.
    Deshalb sollte, nach meiner Meinung die – leider zu oft und intensiv betriebene – Rückschau „schlanker“ sein, weil die großen Namen uns heute allenfalls mit dem Nimbus des Großen und des Mächtigen umgeben, aber dem wirklichen Bild des Einflusses der Freimaurerei auf die heutige Gesellschaft nicht entspricht.

    Die genannten gesellschaftlichen Umbrüche sind ja nichts Neues. Seit dem 18. Jahrhundert leben wir in einer Welt die sich permanent verändert und vom Menschen ständige Neuorientierung und Anpassung fordert.
    Zugegeben, die Geschwindigkeit hat sich erhöht und die Reaktionszeiten verkürzen sich ständig.
    Das die Veränderungen mit der Industrialisierung der Wirtschaft, dem Aufkommen und Verschwindens von Nationalismen und der jetzt rasant fortschreitenden Globalisierung der Gesellschaft(en) zu tun hat, brauche ich niemand zu erklären. Viele nehmen diesen Strukturwandel allerdings nur diffus und oft als Bedrohung wahr.
    Die Antworten des Nils Bohr zeigen allerdings, dass ER schon damals in der Lage war nicht nur EINE Antwort zu geben, sondern er zeigte Mehrzahl von Lösungswegen auf – wobei er nicht nur „einfache Lösungen“ anbot.
    Das konnte er, weil er sowohl Theoretiker, als auch Praktiker war und beide Richtungen in seine Überlegungen einfließen ließ.
    Bei Freimaurern habe ich gelegentlich Zweifel daran, ob sie „die Theorie“, d. h. die Idee der Freimaurerei wirklich beherrschen und wundere mich deshalb bei manchen, wie deren praktisches Handeln aussieht.
    Als Lehrling brachte man mir bei, dass Freimaurerei im Wesentlichen in einer Symbolsprache verstanden werden kann.
    Sind allen Freimaurern wirklich die Symbolinhalte geläufig?
    Wenn ja, handeln Sie danach?
    Wenn Nein, was bestimmt ihr Handeln?
    Wenn es am Ende der Arbeit heißt:
    „Geht nun zurück in die Welt, meine Brüder und Schwestern, und bewährt euch als Freimaurer. Wehret dem Unrecht wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst“, setzt das voraus, dass der Auftrag begriffen und danach gehandelt wird.
    Das bedeutet tatsächlich:
    Wir MÜSSEN die Dinge hinterfragen, unseren Verstand gebrauchen und der bequemen Versuchung widerstehen, andere für uns denken und entscheiden zu lassen.
    Wir MÜSSEN aktiv an Entscheidungsprozessen in unserer Gesellschaft teilnehmen, aufbegehren gegen Missstände und die Wahrheit einfordern.
    Wir MÜSSEN ein stärkeres gesellschaftliches Element werden!

    Wir MÜSSEN unsere Abgeordneten mit Fragen löchern.
    Wir MÜSSEN wenn von uns verlangt wird zu springen, nicht fragen wie weit oder wie hoch, sondern uns verweigern!
    Wir MÜSSEN kritisch hinterfragen – nicht im stillen Kämmerlein, sondern öffentlich!
    Wir MÜSSEN dafür kämpfen, dass die Errungenschaften aus 300 Jahren Aufklärung, an denen unzählige Freimaurer einen nicht unerheblichen Anteil hatten, und die letztendlich in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mündeten, nicht auf den Altären der Macht oder Ideologien jedweder Natur, seien sie politisch korrekt, gesellschaftlich bequem, wirtschaftlich vorteilhaft oder sonst wie angeblich geboten sein, geopfert werden.
    Wenn es uns heute gelingt den Auftrag des ersten Grades ERKENNE DICH SELBST – und dessen zweiter Teil, der meist unbeachtet bleibt: UND WERDE DER, DER DU SEIN KANNST/SOLLST, zu erfüllen, dann haben Freimaurer zu einem späteren Jubiläum Anlass sich zu feiern, den ich derzeit kaum erkenne.

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