Nico Homonnay

Ich sehe mein Stottern gern als einen Teil meines ‚rauen Steines‘

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von Nico Homonnay

E e e e – Stille –
Eee – Pause – 
Eerwww – Anspannung – 
Erw_www – Schweißausbrüche, ich merke, wir mir das Blut in den Kopf schießt –
Eerwwürdiger M_mmeister – Puh, ersten Teil der Grußformel geschafft … – 

Nico Homonnay

Br.·. Nico Homonnay

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Grußbotschaft, welche ich als Geselle in einer fremden Loge überbringen durfte und an die irritierten Blicke vieler Brüder. „Was ist das denn für einer?“, „Hat bestimmt seinen Text vergessen.“, „Wie lange geht denn die Arbeit noch?!“, habe ich die Brüder in meinen Gedanken sagen hören.

„Atme das nächste Mal ordentlich ein und aus.“, gab mir ein Bruder an dem Abend noch väterlich mit auf den Weg.

Und da sind sie wieder, die Vorurteile. Mit der Atmung an sich hat Stottern nämlich nichts zu tun. Aber wie oft musste ich mir diesen Satz schon anhören, auch damals, als ich mit ca. 4 Jahren mit dem Stottern anfing.

Stottern ist, das haben bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) und die funktionelle MRT (fMRT) in den letzten Jahren gezeigt, eine neuronale Störung in der linkshämisphärischen Region des Gehirns, welche für das Sprechen und die Sprechmotorik verantwortlich ist. Dieses eigentliche Stottern, welches sich in W-w-w-wiederholungen, B____locken und Deeeehnungen zeigt, hat in der Regel auch nichts mit einer psychischen Störungen oder einem traumatischen Ereignis in der Kindheit zu tun. Aber oft müssen solche Erklärungsversuche herhalten, da man ja einen Grund, ein auslösendes Moment sucht.

Diese Kernsymptome des Stotterns wären an sich auch nicht weiter dramatisch. Entscheidend ist nun, wie auf das Stottern der Kinder von der Umwelt reagiert wird. Wird darauf negativ und mit Sanktionen reagiert, versucht das Kind unter allen Umständen nicht mehr zu stottern. Da dies physiologisch nicht möglich ist, wird ein Apparat an Begleitsymptomen wie Mitbewegungen oder eine auffällige Atmung aufgebaut, welche noch viel störender sind, als das eigentliche Stottern. Vor allem aber wird die Angst und die Scham vor dem Stottern und irgendwann auch vor dem Sprechen aufgebaut und dies ist ein Teufelskreis. Mehr Angst führt zu mehr Stotter-Symptomen und das wiederum zu mehr Angst und so weiter. Mit einer frühzeitigen guten logopädischen Behandlung kann man dieser Angst vor dem Stottern jedoch sehr gut entgegenwirken. Stottern im Erwachsenenalter ist nicht heilbar, aber es lässt sich bearbeiten.

Br.·. Nico geht offen mit seinem Stottern um • Quelle: Youtube (Datenschutzerklärung)

„Ich sehe mein Stottern gern als einen Teil meines ‚rauen Steines‘.“

Vielleicht vorweg: es gab Zeiten, da habe ich mein Stottern als einen ‚Dämon‘ gesehen. Immer dann, wenn ich es am wenigsten gebraucht habe, war es da. Der Kampf und die ‚verlorenen Schlachten‘ haben mir immer wieder stark zugesetzt.

Eine sehr gute Therapie mit möglichen Bearbeitungsstrategien und ‚Werkzeugen‘ hatte ich 2010, ein Jahr vor der Aufnahme in unseren Bund. Im Rückblick erkenne ich viele Parallelen. ‚Erkenne dich selbst‘ … in der Therapie war auch das der Anfang. Was geschieht mit mir, wenn ich stottere? Wie gehe ich in die Situation hinein? Wie fühle ich mich danach? Habe ich angemessen reagiert? Das waren die ersten Fragen die ich gelernt habe, mir selbst zu stellen. Dann kamen die ‚Werkzeuge‘, die Modifikationstechniken, mit welchen ich endlich auch Herr über mein Stottern werden konnte. Diese zunächst im geschützten und geschlossenen Rahmen der Gruppe eingeübt, später auch ‚in der echten Welt‘, ja im Profanen, ausprobiert.

Quelle: Youtube (Datenschutzerklärung)

Die große Herausforderung ist für mich nach wie vor das Stottern anzunehmen, es nicht als Dämon, sondern als ständigen Begleiter zu sehen. Ich soll nicht immer gegen ihn kämpfen, aber mich auch nicht von ihm abhängig machen und mich meinen Ängsten stellen. Ich weiß, wie ich es bearbeiten kann, aber ich weiß auch, dass ich es ‚in diesem Leben‘ nie ganz ablegen kann.

Wie ist das nun in der Loge? Ich habe das Amt des Sekretärs in meiner Loge inne und auch so beteilige ich mich natürlich mittlerweile ‚ganz ungezwungen‘ an Diskussionen, auch mit Stottern. Vor der Therapie konnte ich mir sowas überhaupt nicht vorstellen. Dennoch gab es für mich auch Situationen, in denen ich möglichst nicht stottern wollte, wie bei Zeichnungen während der Tempelarbeit beispielsweise. Einmal habe ich einen ‚Nachteilsausgleich‘ geltend gemacht und die Zeichnung vorher aufgenommen und dann in der Arbeit abgespielt. Noch immer habe ich das Bedürfnis, möglichst ‚normal‘ zu sprechen. Und auch mit einer guten Sprechtechnik habe ich hin und wieder das Gefühl, auffällig zu sein. Aber genau diese Herangehensweise hat mir gezeigt, dass ich wieder einen Schritt nach vorne machen sollte und mich auch dieser Angst stellen muss und will.

Dies scheint auch mein MvSt. gemerkt zu haben und hat mich gefragt, ob ich nicht in einer Arbeit mal einen Aufseher machen möchte…

Auch auf diese Herausforderung freue ich mich mittlerweile.

Musik als Therapie: Bernd Heinrich Graf von Unheilig • Quelle: Youtube (Datenschutzerklärung)

Die große Herausforderung ist für mich nach wie vor das Stottern anzunehmen, es nicht als Dämon, sondern als ständigen Begleiter zu sehen. Ich soll nicht immer gegen ihn kämpfen, aber mich auch nicht von ihm abhängig machen und mich meinen Ängsten stellen. Ich weiß, wie ich es bearbeiten kann, aber ich weiß auch, dass ich es ‚in diesem Leben‘ nie ganz ablegen kann.

Wie ist das nun in der Loge? Ich habe das Amt des Sekretärs in meiner Loge inne und auch so beteilige ich mich natürlich mittlerweile ‚ganz ungezwungen‘ an Diskussionen, auch mit Stottern. Vor der Therapie konnte ich mir sowas überhaupt nicht vorstellen. Dennoch gab es für mich auch Situationen, in denen ich möglichst nicht stottern wollte, wie bei Zeichnungen während der Tempelarbeit beispielsweise. Einmal habe ich einen ‚Nachteilsausgleich‘ geltend gemacht und die Zeichnung vorher aufgenommen und dann in der Arbeit abgespielt. Noch immer habe ich das Bedürfnis, möglichst ‚normal‘ zu sprechen. Und auch mit einer guten Sprechtechnik habe ich hin und wieder das Gefühl, auffällig zu sein. Aber genau diese Herangehensweise hat mir gezeigt, dass ich wieder einen Schritt nach vorne machen sollte und mich auch dieser Angst stellen muss und will.

Dies scheint auch mein MvSt. gemerkt zu haben und hat mich gefragt, ob ich nicht in einer Arbeit mal einen Aufseher machen möchte…

Auch auf diese Herausforderung freue ich mich mittlerweile.

Bruce Willis gehört neben Marilyn Monroe, Samuel L. Jackson und Rowan Atkinson zu den berühmten Stars, die stottern. • Quelle: Youtube (Datenschutzerklärung)

Kommentare 1

  1. Geliebter Bruder Homonnay,
    Vielen Dank für diesen tiefen und offenen Einblick in Dein Leben! Es gehört schon einiges dazu, sich im Kreise der Brüder zu öffnen – den ersten Schritt zu tun. Dies jedoch in der Öffentlichkeit zu tun, ist noch einmal eine ganz andere Sache. Auch, wie Du mit der ganzen „Sache“ umgehst. Ich freue mich sehr für Dich und über Deinen Erfolg und kann Dich nur zu Deiner Bauhütte sowie Deinem MvSt. beglückwünschen!! Ich hoffe, Du gibst anderen Brüder Mut mit Deinem Artikel. Mir hast Du damit auf jeden Fall viel Falschwissen korrigiert. Herzlichen Dank dafür!
    Dir wünsche ich weiterhin viel Erfolg, Kraft und Mut – auch oder gerade, wenn es einmal nicht so läuft!

    Dein Br. Stefan
    JL“Zum flammenden Stern“ i.O. Berlin

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