Verschwörung der Freimaurer

Verschwörungstheorien einfach mal wissenschaftlich betrachtet

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Von Sebastian Bartoschek

„Die Grade der Freimaurerei sind sogar öffentlich gedruckt! Was kann eine geheime Gesellschaft wirken, welche so wenig Geheimnis hat, dass ihre ganz innere Verfassung der übrigen Welt bekannt ist?“

Der abschätzige Ton schwingt bis heute in der Aussage von Adam Weishaupt (1748-1830). Der Gründer des Illuminatenordens zog daraus seine ganz eigenen Konsequenzen. Bis zu ihrem Verbot und der Auflösung Ende des 18. Jahrhunderts operierten die Illuminaten als strikter Geheimbund. Die Mitglieder hatten Decknamen, versuchten durch konspiratives Wirken einen Staatsstreich oder zumindest eine geistige Revolte herbeizuführen. Dieses Vorgehen ist den Freimaurern fremd. Für eine freimaurerische Verschwörung gegen den Staat gab es nie Belege.

Wieso also werden Freimaurer oft in einen Topf mit den Illuminaten geworfen, wenn es um Verschwörungstheorien geht? Spielen solche Verschwörungstheorien heute noch eine Rolle? Wie sollte am besten damit umgegangen werden? Und wer glaubt so was überhaupt? Im Rahmen meiner laufenden Dissertation bin ich einigen dieser Fragen nachgegangen. Insgesamt wurden 95 Verschwörungstheorien hinsichtlich ihrer Bekanntheit und Zustimmung in zwei separaten Online-Befragungen untersucht, zudem wurden demografische Daten abgefragt. Die Bekanntheit musste mit „Kenne ich“ oder „Kenne ich nicht“ beantwortet werden. Die Skala zur Zustimmung war eine 11stufige Prozentskala, auf der die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Theorien von „0% = sicher nicht“ bis zu „100% = sicher“ eingestuft werden musste. Die Verschwörungstheorien bildeten ein buntes Spektrum von Themen ab, von Theorien über Alienlandungen, über viele verschiedene Morde an Prominenten und Argwohn gegenüber der Wirtschaft bis hin zu Theorien um vermeintliche Geheimbünde. Dabei hatten zwei Theorien mit den Freimaurern zu tun:

1) Hinter verschiedenen Geschehnissen der Weltgeschichte stehen in Wirklichkeit die Freimaurer.

2) Auf der 1-Dollar-Banknote finden sich versteckte Hinweise auf Verschwörungen

Um nicht mehrere hundert Theorien betrachten zu müssen, war mein Ansatz die semantische Bündelung, so dies möglich war. Zwar gibt es Literatur, die die Freimaurer mit verschiedenen Ereignissen in Verbindung bringt, sei es die Französische Revolution, die Gründung der USA oder der Beginn des Zweiten Weltkrieges. All diese Theorien wurden in der ersten Theorie subsumiert.

Den Dollar betreffend muss festgestellt werden, dass sich hier tatsächlich eine ausgeprägte Symbolik wiederfindet, die sicherlich auch durch Freimaurer unter den Verfassungsgebern beeinflusst wurde. Verschwörungstheorien gehen aber meist viel weiter und vermuten eine jüdische und/oder freimaurerische Verschwörung, realisiert durch die US-Notenbank. Auch hier divergieren die einzelnen Theorien, so dass eine Zusammenfassung durch allgemeinere Platzhalter erfolgt ist.

Eine der vielen

Eine der vielen „Aufklärungen“ über die Verschwörungstheorie anhand der Dollar-Note, die man im Internet finden kann.

Innerhalb von 2 Jahren wurden knapp 1100 gültige Fragebögen zur Bekanntheit und innerhalb von 1,5 Jahren 800 gültige Fragebögen zur Zustimmung ausgefüllt. Wie mir bekannt ist, ist dies die bisher breiteste Grundlagenerhebung zu Verschwörungstheorien überhaupt – keine andere Studie hat eine solche Unterschiedlichkeit von Theorien betrachtet. Angemerkt werden muss, dass die erhobene Stichprobe in keiner Form repräsentativ ist. Vielmehr sind Verzerrungen zu erkennen, die wohl dem Medium Internet geschuldet sind: Der Anteil der Männer, der Jüngeren, der Personen mit Abitur und der Grünen-Wähler ist deutlich überhöht. Nichtsdestotrotz erlaubt die Größe der Stichprobe doch einige Aussagen.

So zeigte sich, dass Verschwörungstheorien mitnichten ein Randgruppenphänomen sind. Zwar sind weder die Bekanntheit noch die Zustimmung normal verteilt, doch zeigt sich eine Annäherung an eine solche. Dabei können Mittelwerte von 44,46% bei der Bekanntheit (Standardabweichung SD: 15,19 %) und 25,62 % bei der Zustimmung (SD: 17,59 %) verzeichnet werden. Zustimmung und Bekanntheit korrelieren dabei positiv (r = 0,57), d.h. je bekannter eine Verschwörungstheorie ist, desto größer die Zustimmung zu ihr und vice versa. Eine deutliche Ausnahme bildet die sog. „Auschwitz-Lüge“. Die in Deutschland strafbewehrte, Mär, es habe keine Massenermordung von Juden in Auschwitz gegeben, kennen 86% der Befragten, sie ist in der TOP 10 der bekanntesten Theorien. Doch gerade einmal 3,52 % glauben, dass etwas Wahres daran sein könnte. Nur die Theorien von einer bereits erfolgten Ermordung von Bill Gates (2,78 %) und einer kalten, nicht heißen, Sonne (2,63 %) ernten weniger Zustimmung. Oder so: Es glauben mehr Menschen an unter uns lebende Reptilienaliens (3,84 %) oder Drogen in unserem Trinkwasser (7,43 %) als an die „Auschwitz-Lüge“. Was Freimaurer meines Erachtens daraus lernen können, dazu gleich mehr.

Zunächst jedoch zu den Ergebnissen der beiden Freimaurer-Theorien. Beide Theorien sind überdurchschnittlich bekannt: Im Falle der Dollarnote liegt die mittlere Bekanntheit bei 71% (SD: 45 %) und bei der direkten Freimaurer – Theorie sogar bei 77 % (SD: 42 %). Die Zustimmungsraten fallen deutlich moderater aus und pendeln sich knapp um den Durchschnitt ein: Dass der Dollar auf geheime Verschwörungen hinweist, glauben 21,33 % (SD: 28 %) und dass die Freimaurer an der Weltgeschichte manipulieren, halten 26 % (SD: 28 %) für sicher. Die Bekanntheit von Verschwörungstheorien zu den Freimaurern ist also deutlich überdurchschnittlich, die Zustimmung jedoch nicht.

Der Blick soll nun auf die Merkmale derer gelenkt werden, die Verschwörungstheorien kennen bzw. an diese glauben. Der Einfachheit halber und da keine echte Normalverteilung vorliegt, wird hier auf korrelative Zusammenhänge fokussiert. Für die Bekanntheit ergeben sich im Allgemeinen zwei Gruppenmerkmale: Männer kennen mehr Theorien als Frauen (r = 0,263) ebenso wie jüngere Personen gegenüber älteren (r = – 0,093). Betrachtet man unter diesem Aspekt die zweite, prägnantere Freimaurertheorie („Hinter verschiedenen Geschehnissen der Weltgeschichte stehen in Wirklichkeit die Freimaurer.“), so zeigt sich, dass es hier keinen Alterseffekt, sehr wohl aber den beschriebenen Geschlechtseffekt (r = 0,135) gibt. Darüber hinaus gibt es aber keine besonderen Effekte, die spezifisch wären.

Hinsichtlich der Zustimmung stellt sich das Ganze ein wenig anders dar: Es gibt hier vier Einflussmerkmale. Dabei sind die Zusammenhänge wie folgt:

a) Frauen stimmen stärker zu als Männer (r = – 0,163; umgekehrt im Vergleich zur Bekanntheit!).

b) Gläubige Menschen halten mehr Verschwörungstheorien für wahr (r = 0,214; das Kriterium war hier die Bejahung der Frage „Würden Sie sich selbst als einen gläubigen / religiösen Menschen bezeichnen?“)

c) Je höher das Brutto – Jahresgehalt, desto geringer die Zustimmung (r = – 0,166) und

d) Je höher der Bildungsabschluss, desto geringer die Zustimmung (ein kleiner, aber stabiler Zusammenhang; r = – 0,095).

Bis auf d) finden sich alle Zusammenhänge bei der Freimaurer-Theorie. Interessantes Detail am Rande: Wähler von CDU und FDP kennen mehr Theorien und stimmen diesen stärker zu als Anhänger von SPD und GRÜNEN.
Satirisch zugespitzt ist es so: Der Ehemann informiert seine Frau über Verschwörungstheorien, ohne aber diesen besonders zuzustimmen. Die Frau wiederum ist religiöse CDU-Wählerin mit geringem eigenen Einkommen; sie hält die Verschwörungstheorien eher für wahrscheinlich.

Eine Karikatur über die

Eine Karikatur über die „überstaatlichen Mächte“ der Freimaurer

Doch was kann aus diesem Szenario gelernt werden? Zum einen scheinen Religion und Verschwörungstheorien demselben Wunsch nach Struktur zu entsprechen. Das Finden von Mustern ist ein zentraler Antriebsmechanismus der menschlichen Evolution. Wer diesen Aspekt vertieft betrachten möchte, dem lege ich Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ nahe. So wichtig dieser Mechanismus ist, so störanfällig ist er. Das Entstehen von Religionen ist ein gutes Indiz dafür, dass wir auch dort Muster zu erkennen glauben, wo sich keine (überprüfbaren) Strukturen befinden. Verschwörungstheorien bringen Muster in Einzelbeobachtungen und Geschehnisse, sie strukturieren unsere Umwelt und erhöhen unser subjektives Maß an Erklärbarkeit und Sicherheit. Wir müssen diesen Mechanismus als normal anerkennen und uns trotzdem fragen, wie wir seinen Einfluss zurückdrängen können. Kultur ist geeignet, evolutionäre Tendenzen bis zu einem gewissen Grade zu relativieren. Ein Beispiel: Obwohl aus männlicher Sicht Polygamie die optimale Strategie zur Weitergabe der Gene ist, ist die Mehrheit der Menschen heute der Meinung, dass Monogamie die bessere Form des Zusammenlebens ist. Auch der Einfluss irrationaler Überzeugungssysteme kann verringert werden. Betrachten wir nochmal die „Auschwitz-Lüge“: eine Theorie mit hoher Verbreitung, aber geringer Zustimmung. Maßgeblich scheint mir hier die intensive Auseinandersetzung mit dieser zu sein und ein Bildungssystem, das die Massenermordung von Juden in der NS-Zeit früh thematisiert. Ebenso hat die Popularität der Theorie um eine gefälschte Mondlandung („Apollo-Hoax“) stark unter einer massiven Aufklärungskampagne der NASA gelitten.

Wenn die Freimaurerei gegen sie gerichtete Verschwörungstheorien bekämpfen will, so sollte sie meines Erachtens einen ähnlichen Weg gehen: Aufklären statt abwarten! Dies heißt nicht, dass vertrauliche Inhalte nach außen gegeben werden müssen. Viele Menschen wissen leider nicht, was Freimaurerei überhaupt ist. Ihnen fehlen Informationen und vor allem im Internet ist die Vielzahl der Veröffentlichungen weder ausgewogen noch überschaubar. Immer noch erscheinen antifreimaurerische Werke wie unlängst das Buch „Geheimgesellschaften 3. Krieg der Freimaurer“ des umstrittenen, vom Verfassungsschutz als geschichtsrevisionistisch eingestuften Autors Jan van Helsing alias Jan Udo Holey. Positiv wären leicht verständliche Broschüren und Bücher aus Reihen der Freimaurer, die die Öffentlichkeit informieren und zudem einzelne Aspekte von Verschwörungstheorien aufgreifen und entkräften.

„Verschwörungstheorien entstehen dort, wo Fragen unbeantwortet bleiben. Selbst eine Erklärung, warum gewisse Fragen nicht öffentlich beantwortet werden können, ist besser als keine Stellungnahme zu ihnen.“

Als erstes empfehle ich also Veröffentlichungen. Als zweites sollte offensiv der Weg zu Bildungseinrichtungen gesucht werden, Schulen das Angebot gemacht werden, im Rahmen des Unterrichts zu informieren. Die Tatsache, dass Freimaurer in der NS-Diktatur gezielt verfolgt wurden, ist bspw. nur wenig verbreitet. Als dritten Schritt würde ich mir ein mutigeres Zugehen auf die Medien wünschen; sei es in Radio, Zeitung oder Fernsehen. Freimaurer haben eine mitreißende Geschichte und Ziele, die in einer individualisierten, globalisierten Welt interessanter sind denn je.

Allerdings sind dies die Vorschläge eines Wissenschaftlers, der selbst kein Freimaurer ist und nicht einschätzen kann, ob die Thematik der Verschwörungstheorien überhaupt für die Freimaurerei von Relevanz ist. Auch kann ich nicht einschätzen, ob meine Vorschläge mit dem Selbstbild vereinbar sind.

Aber wie schrieb Bob Dylan: „You don’t need a weatherman to know which way the wind blows!“

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https://www.youtube.com/watch?v=67u2fmYz7S4
Sebastian BartoschekBild: Katja Bartoschek - http://www.psycho-talk.de/das-team/

Sebastian Bartoschek
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