P2 - Propaganda due

Die „Geheimloge“ P 2

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Von S.A.
(Name des Autors ist dem Verlag bekannt)

Vorgeschichte: Die Loge „Propaganda Massonica“

Im Jahr 1877 (andere Quellen sprechen von 1887) ruft Giuseppe Mazzoni, der damalige Großmeister des Grande Oriente d‘ Italia (GOI), die Loge „Propaganda Massonica“ als Gegenstück zur Kurienkongregation „Propaganda Fide“ ins Leben.

Das Ziel war es, Brüdern des GOI, die sich aus politischen Gründen für längere Zeit in Rom aufhielten, Gelegenheit zu geben, regelmässig eine Loge besuchen zu können.

Diesen Beitrag und mehr können Sie auch als geduckte Version im Winkelmaß-Magazin beziehen.

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Darüber hinaus war es ein nicht offen ausgesprochenes Ziel, Mitglieder zu versammeln, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung in der Lage waren, den klerikalen Bestrebungen des „Partito Popolare“ erfolgreich entgegen zu wirken. Konkret ging es damals um den Kampf für den obligatorischen Schulbesuch, die Scheidung und bestimmte Sozialgesetze, welche von katholischer Seite bekämpft wurden.

Bis zum Verbot im Jahr 1926 durch den italienischen Faschistenführer Mussolini vereinte die Loge „Propaganda Massonica“ eine Reihe prominenter Mitglieder, wie den Kanzler Crispi, den Nobelpreisträger der Literatur, Giosuè Carducci oder Ahmed Fuad Pascha, König von Ägypten. Aufgrund der Prominenz ihrer Mitglieder war die „Loggia Propaganda Massonica“ eine „gedeckte“ Loge, d.h. die Namen der Mitglieder waren nur dem Großmeister bekannt und wurden nicht im offiziellen Mitgliederverzeichnis des GOI vermerkt. Der Großmeister und die Großbeamten waren gleichzeitig Beamten der Loge.

Die Loge „Propaganda Due“

Naturgemäß konnte die italienische Freimaurerei weder von kommunistischer noch von katholischer Seite Gutes erwarten und war daher bestrebt, eine Allianz dieser Kräfte zu verhindern, die mit Sicherheit zu einem erneuten Verbot geführt hätte. Nach der Zerschlagung des Faschismus wird der GOI wiedergegründet, wobei die Besatzungsmächte, insbesondere aber amerikanische Freimaurer entscheidende Schützenhilfe bieten. Diese Nähe zur Besatzungsmacht USA sowie die Tatsache, dass in den Logen sowohl Kommunisten als auch Katholiken in der Minderzahl waren, machten die Freimaurerei Italiens zur damaligen Zeit zu einem besonderen „Regulativ“ innerhalb der Gesellschaft.

Auch die Loge „Propaganda Massonica“ wird nun erneut wiederbelebt, wobei sie, nach der neuen Zählung im Register des GOI, den Zusatz „2“ erhält. Die Loge „P2“ ist so- mit zunächst eine reguläre Freimaurerloge, wenngleich sie ebenso wie ihre Vorgängerin als „gedeckte“ Loge arbeitet. Bestimmten Meinungen zufolge sei die „P2“ jedoch von Anfang an ein „amerikanischer Import“ gewesen, die Antwort auf die Ängste atlantischer Zirkel gegenüber einer möglichen Allianz zwischen der dominierenden Democrazia Cristiana und der KPI, dem berühmten “compromesso storico”, dem historischen Kompromiss.

Licio Gelli

Licio GelliFoto: public domain

Licio Gelli
Foto: public domain

Die entscheidende Figur im „Spiel“ um die Loge „P2“ war zweifelsohne Licio Gelli, der Vorsitzende oder Meister vom Stuhl, auf dessen Informationspolitik die hier beschriebenen Vorgänge im Wesentlichen zurückzuführen sind. Gelli, der „Mann der 1000 Beziehungen“, soll in einem Interview auf die Frage, was er immer schon sein wolle, geantwortet haben: „Ein Puppenspieler.“
Tatsächlich zeigt Gellis Vita einen außergewöhnlich stark entwickelten Willen zur Macht, wobei Gesinnungsfragen und politische Prioritäten offenbar zweitrangig waren. Der aus einfachen Verhältnissen stammende, 1919 geborene Licio ist zunächst überzeugter Anhänger der Faschisten. Im Spanienkrieg kämpft er im Verband „735 Camice Nere“ (Schwarzhemden). Sein Bruder wird im Kampf tödlich verwundet und Gelli schreibt nach seiner Rückkehr ein Buch, für das er von Mussolini persönlich mit der „Medaglia Francesco Ferrucci“ geehrt wird.

In der Zeit des Faschismus soll Gelli sowohl für die Miliz als auch den militärischen Geheimdienst gearbeitet und dabei auch an der Verfolgung von Partisanen teilgenommen haben. Zum Ende des Krieges kollaboriert Gelli mit den Partisanen und nimmt sogar an einem Überfall auf ein Milizgefängnis teil, bei dem 57 politische Gefangene und 2 Juden befreit werden. Als Gelli, der Ende 1944 offiziell immer noch Verbindungsoffizier ist, erschossen werden soll, rettet ihn Italo Carobbi, oberster Chef des Befreiungskomitees der Region und KP-Chef. Bis 1948 ist Gelli untergetaucht – man vermutet in Argentinien – , um anschließend als Sekretär des Christdemokraten Romolo Diecidue zu arbeiten. 1963 stellt Gelli ein Gesuch um Aufnahme bei der Loge „Giandomenico Romagnosi“ in Rom. Sein Lebenslauf ist lückenhaft, es wird jedoch nicht weiter nachgeforscht. Am 6. November 1963 wird Gelli aufgenommen und ist damit regulär initiierter Freimaurer. Als wenig später ein neuer Meister vom Stuhl gewählt wird, der sich noch einmal mit den Lebensläufen aller Logenmitglieder befasst, werden Gellis dunkle Seiten offenbar. Der MvSt. soll in Wut geraten sein und ausgerufen haben: „Leider wurde er aufgenommen und wir müssen ihn behalten, aber er wird Zeit seines Lebens Lehrling bleiben“.

Gellis Aufstieg in der „P2“

Tatsächlich wird Gelli in den kommenden vier Jahren nicht weiter befördert, doch 1966 entdeckt der damalige GM Giordano Gamberini die „Qualitäten“ von Gelli und beauftragt ihn, mit dem stellvertretenden GM Ascarelli wichtige Persönlichkeiten im Sinne der FM zu kontaktieren. Gelli ist sehr aktiv und erfolgreich. In dieser Zeit wird er auch befördert und erhoben.

Durch den zugeordneten Großmeister Ascarelli wird Gelli beauftragt, die Loge „P 2“ zu stärken. Er entwickelt dabei große Umtriebigkeit und schafft es, innerhalb kurzer Zeit die Mitgliederzahl von ca. 60 auf mehrere Hundert zu steigern. Seine Auswahlkriterien sind streng:

  • Mindestalter 30 Jahre
  • bei Staatsangestellten nur Funktionäre
  • bei Militärs nur vom Hauptmann an aufwärts
  • bei freiberuflich Tätigen nur bereits etablierte Persönlichkeiten

1970 wird Gamberini als GM durch Lino Salvini abgelöst. Wenig später stirbt Ascarelli und Gelli bleibt ohne Protektor. Der GM Salvini ernennt Gelli 1971 zum Organisationsbeauftragten der P2. Obwohl dieser Posten in den Statuten des GOI nicht vorgesehen ist, wird dies vom Groß-Beamtenkollegium geschluckt.

De facto ist jetzt Gelli Chef der P2 und dies, obwohl er le- diglich den Meistergrad besitzt. Um die „copertura“ (Deckung) zu verbessern, wird der Sitz der P2 vom Palazzo Giustiniani (damaliger Sitz des GOI) in die Via Condotti verlegt (Vorschlag von Gelli und Einwilligung durch GM Salvini). Die neue Gesellschaft heißt: Centro di Studi di Storia Contemporanea (Zentrum für das Studium der Gegenwartsgeschichte).

p2-logenhaus

Der Palazzo Giustiniani in einer Ansicht von Alessandro Specchi, von 1699, in dem der GOI und die P2 für eine geraume Zeit ihren Sitz hatten.

Im Innern des GOI wächst der Widerstand gegen die selbstherrlichen Praktiken des GM Salvini und des P2-Chefs Gelli. Anlässlich der a.o. GL-Tagung vom 14. Dezember 1974 in Neapel wird mit 400 gegen 6 Stimmen die Restrukturierung der P2 beschlossen. Sie sollte fortan wie jede andere Loge des GOI arbeiten und verwaltet werden. Gelli scheint zu akzeptieren, bereitet aber schweigend seine Revanche vor. GM Salvini fühlte sich damals sehr stark. Er hatte die Anerkennung des GOI durch England erreicht und 1973 die Wiedervereinigung mit den Brüdern der „Piazza del Gesù“ realisiert. Er war daher völlig überrascht, als ihn an der GL-Tagung im März 1975 der Anwalt Giuffrida der Unredlichkeiten im Rahmen der P2 anklagte. Die Arbeiten wurden unterbrochen, Gelli spielte den Vermittler. Resultat: Giuffrida zog seine Anklage zurück und Salvini wurde als GM bestätigt. (Ein Br., der damals mit Salvini in London war, erzählte mir, dass Gelli bereits in London das „Organisatorische“ hervorragend erledigt hatte.)

Die Loge P2 wurde auch entsprechend dem Dekret Nr. 397 vom 12. Mai 1975 restrukturiert. Gelli wurde MvSt der neuen, nun normalen P2. (Gelli wurde nicht von den Mitgliedern der P2 zum MvSt. gewählt, sondern von GM Salvini bestimmt.)

 Statement von Licio Gelli in einem Beitrag von Spiegel TV über die „P2“ • Quelle: Youtube (Datenschutzerklärung)

Der Wandel der „P2“ zur Geschäftsloge

Zwischen April 1975 und Juli 1976 arbeitete die Loge normal und unter Kontrolle von Br. Luigi Sessa, Vertreter des GOI. Als Gian Antonio Minghelli, Sohn des Polizeigenerals und Sekretär für Organisationsfragen der neuen P2, wegen Verdachtes auf Drogenhandel und Entführung verhaftet wurde, beantragte Gelli beim GM die Suspension der Loge P2 bis auf weiteres, um, wie er sagte, die Loge – und damit die ganze FM – nicht zu involvieren. (Dieser Vorfall war der Anlass für die Presse für eine heftige Anti-FM Kampagne und der schwache Salvini war nur zu froh, den Vorschlag akzeptieren zu dürfen.) Die Suspendierung einer Loge war zwar weder in den Statuten noch im Reglement des GOI vorgesehen, GM und Kollegium akzeptierten es aber trotzdem. (Viele glaubten damit die P2 praktisch zu eliminieren.) Gelli, der normalerweise zu diesem Zeitpunkt die Hammerführung hätte abgeben müssen, war nun auf unbestimmte Zeit MvSt. der nun schlafenden P2. Er benutzte diese Zeit, um weiter Persönlichkeiten anzuwerben und sie durch Ex-GM Gamberini – mit Einwilligung des amtierenden GM Salvini – „sul filo della spada“ initiieren zu lassen. Der Sitz der Loge wurde ins Hotel Excelsior in Rom verlegt.

Unter zunehmendem Druck der Brüder – und besonders derjenigen aus den USA – tritt Salvini im November 1978 vorzeitig zurück. Er wird durch General Ennio Battelli ersetzt. Am 16. Oktober 1980 aktiviert GM Battelli den obersten Gerichtshof des GOI (Corte Centrale del GOI). Präsident des „Collegio Giudicante“ (Gericht) ist Paolo Carleo. Die Anklage erfolgt aufgrund einer „tavola d’accusa“ (An- klage-Tafel) von Soliani. Angeklagt werden Licio Gelli und Alt-GM Salvini. Im Januar 1981 findet die Gerichtsverhandlung statt. Am 31. Oktober 1981 wird Gelli endgültig aus dem GOI ausgeschlossen.

Als General de Lorenzo (ein Protegé des Christdemokraten und späteren Präsidenten der Republik, Gronchi) 1956 Chef des SIFAR (militärischer Geheimdienst) wurde, begann man mit der „fascicolazione“ (Faktensammlung in Akten) der wichtigsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Innerhalb weniger Jahre wurden über 157.000 Personen erfasst. Diese Akten sollten vernichtet werden, wurden es aber nicht. Vielmehr gerieten sie sehr wahrscheinlich in den Besitz von Gelli, vielleicht durch General Allavena, der 1967 Mitglied der P2 wurde. In der Folge, insbesondere in der Periode 1969-1974, also in der Zeit, in der die „Strategie der Destabilisation“ ihren Höhepunkt erreicht hatte, fanden sich die Spitzen der Geheimdienste (Miceli, Henke) und der Carabinieri in der P2 vereint. Während dieser Zeit entwickelte sich die P2 – nicht durch Zufall – immer mehr zu einem parallelen und okkulten Informationszentrum. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die P2 ein Ableger der Geheimdienste geworden wäre. Die P2 war etwas anderes, Komplexeres. Alle Bereiche der Nation waren vertreten und der Informationsaustausch war so umfassend, wie ihn keine andere Einrichtung hätte bieten können. Im Knotenpunkt dieser Spannungslinien stand Licio Gelli.

Konsequenzen

Gelli war der Mann mit den 1000 Beziehungen, sowohl im Osten wie im Westen. Er bot „Dienstleistungen“ und Beziehungen an und verkaufte sie dem Meistbietenden. Die Möglichkeiten der P2 wurden von Gelli auch dazu benutzt, um die Mitglieder in ihrer Karriere zu fördern. Im Oktober 1991 werden Gelli und 20 P2-Mitglieder beim Strafgericht in Rom für folgende Verbrechen angeklagt:

  • Verschwörung gegen die Sicherheit des Staates
  • Mitgliedschaft bei einer verbrecherischen Organisation, genannt P2
  • aktive Korruption

Das Urteil vom 16. April 1994 lautet: Freispruch.

Begründung: Die P2 sei ein „Geschäftemacher-Verein“ (conventi- cola di affaristi), nicht am Umsturz, sondern am Status quo interessiert. Die P2-Affäre dient bis heute in Italien als Vorwand für die Diskriminierung aller regulären Freimaurerorganisationen.

Licio Gelli, starb am 15. Dezember 2015 in Arezzo, Toskana.

Die Mitgliederliste der P2:

  • Silvio Berlusconi, damaliger amtierender Regierungschef Italiens
  • 43 Parlamentsmitglieder
  • circa 900 Regierungsbeamte
  • führende Offiziere der Streitkräfte und Nachrichtendienste
  • Führungskräfte aus Industrie, Medien, Bank- und Finanzwesen

Die Mitgliederliste der P2 als PDF zum Download

Berlusconi - Propaganda due

Auch der damalige Regierungschef Italiens, Silvio Berlusconi, war seit 1978 Mitglied der P2.

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