Wolfgang Barow Winkelmass-Magazin Interview

Der vernünftige Umgang mit den Medien muss gelernt werden

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Der Schauspieler und Kabarettist Br. Wolfgang Bahro im Gespräch mit Br. Ivan Wojnikow (Winkelmaß-Magazin)

Seit 22 Jahren spielt Wolfgang Bahro den intriganten Rechtsanwalt Prof. Dr. Dr. Jo Gerner in der erfolgreichen RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Damit wurde er einem großen Fernsehpublikum bekannt. 1960 in Westberlin geboren, bekam Bahro seine erste Fernsehrolle mit 18 Jahren. Vor allem das Kabarett wurde zunächst zu seiner beruflichen Heimat – als Ensemblemitglied bei den Berliner „Stachelschweinen“. 2011 bekannte sich Bahro in einem Zeitungsinterview öffentlich zu seiner Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Der Vater eines Sohnes ist verheiratet und lebt in Berlin. 

Winkelmaß: Es ist noch immer nicht allgemein üblich, sich in der Öffentlichkeit als Freimaurer zu „outen“, insbesondere dann nicht, wenn man einen gewissen Prominentenstatus innehat. Du hast dich bereits in mehreren Interviews und sogar Talkshows offen als Freimaurer bekannt. Wie sind deine Erfahrungen damit?

Bahro: Es begann mit einem Interview für die Zeitschrift „CLOSER“. Die anderen Zeitungen haben dieses Interview nur übernommen. Erst später kamen die Talkshows hinzu. Insgesamt wurde mein Outing als Freimauer durchaus positiv aufgenommen. Ich war erstaunt, wie viele Menschen sich doch mit den Freimaurern auskennen und ein offenes interessiertes Bild von dem Bruderbund haben. Um auch junge Menschen für die „Königliche Kunst“ zu interessieren und ihnen die Vorurteile zu nehmen, habe ich diesem Interview überhaupt zugestimmt.

Winkelmaß: Wie kam es zu dem Outing?

Bahro: Ich hatte mir vor vielen Jahren in London ein Amulett gekauft, weil es mir gut gefiel, mit Symbolen und Zeichen, über die ich aber nicht viel wusste. Der Verkäufer sagte mir, es handele sich um den Tempel Salomos in Symbolform. Ich dachte zunächst, es sei jüdischen Ursprungs. 30 Jahre später traf ich auf einer Party einen Mann, der mir sagte, dass es freimaurische Symbole seien. Er hat mich in seine Loge eingeladen und ich bin hingegangen. Damit schloss sich ein Kreis für mich. Das Medaillon hat mich ein langes Stück meines Lebens begleitet und jetzt wollte ich wissen, was es tatsächlich damit auf sich hat. Vielleicht ist dadurch die Freimaurerei ja so etwas wie meine Bestimmung.

Br. Wolfgang Bahro und Br. Ivan Wojnikow

Br. Wolfgang Bahro und Br. Ivan Wojnikow

Winkelmaß: Wie war dein erster Kontakt mit der Loge?

Mich hat fasziniert, mit welcher Würde und Liebe die Brüder aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlichen Alters miteinander umgingen. Das hatte etwas, was man heutzutage woanders kaum noch erlebt. Das hat mich beeindruckt und angenehm überrascht. Inzwischen ist die Loge der Ort, an dem ich abschalten und runterkommen kann.

Winkelmaß: Würdest du sagen, dass die Freimaurerei dein Leben bzw. deinen Blick auf die Dinge verändert hat?

Bahro: Das hat sie in der Tat. Ich gehe bewusster mit Menschen um und beobachte sehr genau mein Verhalten ihnen gegenüber. Gerade in kleinen alltäglichen Situationen habe ich mich oft dabei ertappt, dass ich ungeduldig wurde, zu vorschnell urteilte oder mich über Nichtigkeiten ärgerte. Aber seit ich an meinem „rauen Stein“ arbeite, sehe ich diese Situationen mit anderen Augen und hinterfrage meine Einstellung, den Dingen und Menschen gegenüber. Ich habe das Gefühl, dass in einer Zeit, in der Werte und Ideale immer mehr in Vergessenheit geraten, es die Freimaurer sind, die diesen Werten und Idealen neue Inhalte und Bedeutungen geben. Nicht alles, was Traditionen pflegt, muss veraltet sein. Das spüre ich jedes Mal, wenn ich die Loge betrete und diese Geborgenheit erfahre.

Winkelmaß: Du bist von Beruf Schauspieler und hast auch eine große kabarettistische Ader.

Bahro: Ich bin kein klassischer Kabarettist im Sinne von Dieter Hildebrandt oder so. Bei den „Stachelschweinen“ habe ich als Schauspieler fertige kabarettistische Texte umgesetzt. So zum Beispiel auch an der Seite des legendären Wolfgang Gruner.

Wir haben gerade jetzt ein Programm zu Ende gespielt nach vielen Jahren, das hieß „Besetzt“ und spielte auf der Toilette des Deutschen Bundestages.

Mein aktuelles Programm „Berliner Zeitensprünge“ habe ich selbst geschrieben. Darin untersuche ich auf musikalisch-humoristische Weise den politischen Witz und wie er sich in 100 Jahren in Berlin entwickelt und verändert hat. Ich wandere von der Kaiserzeit bis in unsere Tage. Es gibt Chansons und Musiktitel, die das jeweilige Zeitgefühl widerspiegeln.

 Der Trailer zum aktuellen Programm von Wolgang Bahro bei den Berliner „Stachelschweinen“ • Quelle: Youtube Kanal Wolfgang Bahro (Datenschutzerklärung)

Winkelmaß: Die meisten Menschen kennen dich vor allem als den Fiesling Dr. Jo Gerner aus der Fernsehserie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Ist es für einen Vollblutschauspieler desillusionierend, wenn man den meisten Ruhm mit einer Rolle in einer „Seifenoper“ erntet?

Bahro: Durchaus nicht. Das wäre es vielleicht, wenn ich große monumentale Kinofilme oder Fernsehproduktionen gemacht hätte, und man mich trotzdem nur als „Jo Gerner“ kennen würde. Aber ich kann nicht verlangen, dass vier Millionen Menschen nach Berlin reisen, um mich im Kabarett zu bewundern. Ich sehe auch eine sogenannte „Seifenoper“ nicht als minderwertig an. Die Mitarbeiter müssen dort eine Menge leisten. Und auch die Anforderungen an die Schauspieler sind in keiner Weise geringer als bei der Produktion eines Kinofilms. Eher im Gegenteil. Bisher hat jeder Schauspieler, der vom Theater oder Kino kommend einen Gastauftritt bei uns hatte, seine Vorurteile und Überheblichkeit sehr schnell über Bord werfen müssen. Und dass es „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ in unserer schnelllebigen Medienlandschaft nach fast 25 Jahren immer noch gibt, spricht für sich.

Winkelmaß: Hält man dich im wahren Leben gelegentlich für Jo Gerner?

Bahro: Die meisten Menschen können das gut trennen. Eine schöne Geschichte war, als mich mal die Polizei angehalten hat und mein Auto untersuchte. Ein Licht war kaputt. Ein Polizist kam ans Fenster und sagte: „Hören Sie mal, Herr Doktor Gerner, Sie als Jurist müssten doch wissen, dass Sie dafür belangt werden können!“

Winkelmaß: Wie beurteilst du als Fernsehschaffender die „Ethik“ der heutigen Medienlandschaft?

Bahro: Ich glaube, die Ethik der Medienlandschaft spiegelt die Ethik unserer Gesellschaft wider. Nicht die Medien vermitteln Werte, die Medien übernehmen diese Werte. Wenn Politiker unglaubwürdig und korrupt sind, Banken die Weltwirtschaft als Roulettespiel benutzen und kirchliche Würdenträger Minderjährige missbrauchen, welche Werte werden da vermittelt? Das findet sich dann im Kabarett als Satire und im Fernsehen als Krimi wieder. Die menschlichen Werte und Tugenden, die z.B. in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen gezeigt werden, erscheinen als der reinste Hohn, wenn man dagegen in der Realität erleben muss, wie Manager, Politiker und Großindustrielle mit Rücksichtslosigkeit und Gewalt einen Erfolg nach dem anderen einfahren.

Winkelmaß: Als Freimaurer empfindet man in der Regel eine besondere Affinität zu den „aufklärerischen“ Themen, wie „Bildung“ und „Erziehung“. Ist das Fernsehen geeignet, sich darum zu kümmern?

Bahro: Das hieße, dass die einzelnen Sender ein Bildungsprogramm zur Verfügung stellen müssen. ARD und ZDF bemühen sich, ihrem Bildungsauftrag so gut wie möglich gerecht zu werden. Gerade das Gewinnen von Jugendlichen für solche Inhalte wird immer schwieriger, da sie Informationen und Unterhaltung primär aus dem Internet beziehen. Die privaten Sender sind dem „Bildungsauftrag“ nicht unterworfen. Sie richten ihr Programm nach den Einschaltquoten. Hierbei wird der Geschmack der breiten Masse bedient. Kreativität und Mut zum Risiko sind äußerst selten in Fernsehredaktionen zu finden. Statt neue Konzepte zu entwickeln und auszuprobieren, übernimmt man gerne erfolgreiche Formate aus dem Ausland und überträgt sie auf deutsche Verhältnisse.

Dennoch gibt es auch bei privaten Sendern und deren Serien durchaus „erzieherische“ Elemente. So war „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ die erste „rauchfreie“ Serie im deutschen Fernsehen, weshalb sie vom Bundesgesundheitsministerium ausgezeichnet wurde. Auch das Thema „Drogen“ wurde in Zusammenarbeit mit der Drogenbeauftragten des Bundes in der Serie behandelt. Insofern ist sich auch eine Sendung wie GZSZ durchaus ihrer „pädagogischen“ Verantwortung bewusst und die Autoren bemühen sich, das in die Geschichten einfließen zu lassen.

Winkelmaß: Immer, wenn besonders drastische Ereignisse, wie etwa Amokläufe von Schülern, bekannt werden, melden sich Stimmen zu Wort, die eine stärkere Zensur von Medien fordern. Wie denkst du über den „Schutz von Kindern und Jugendlichen“ vor negativen Einflüssen der Medien?

Bahro: Meiner Meinung nach kann man die Verantwortung für Kinder und Jugendliche nicht an die Medien abgeben. Letztendlich sind Eltern und Erzieher dafür verantwortlich, wie Kinder mit den Medien umgehen. Wenn man sich nicht um seine Kinder kümmert und sie unbeaufsichtigt vor den Fernseher setzt, kann man nicht das Fernsehen dafür verantwortlich machen, wenn die Kinder ein gestörtes Verhältnis zur Realität entwickeln. Das gilt natürlich auch für Erwachsene. Wer seine Freizeit durch das Fernsehprogramm bestimmen lässt, ist eigentlich nur zu bedauern. Eine weitaus größere Gefahr für die Kinder und Jugendlichen sehe ich allerdings im Internet. Hier findet man ungefiltert alles, was gerade Kindern nicht zugänglich gemacht werden sollte. Von brutalen Gewaltszenen bis zur Hardcore-Pornografie kann man im Internet alles problemlos konsumieren. Der vernünftige Umgang mit den Medien muss gelernt werden. Und da sind wir als Eltern und Lehrer in der Verantwortung.

Winkelmaß: Vielen Dank für das Gespräch!

Wolfgang Bahro ist montags bis freitags ab 19.35 Uhr in der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ auf RTL zu sehen.

Mit seinem musikalisch-kabarettistischen Programm „Berliner Zeitensprünge“ gastiert er zur Zeit im Berliner Kabarett-Theater „Die Stachelschweine“.

„Besetzt“ – Der Trailer des Programms bei den Berliner „Stachelschweinen“ • Quelle: Youtube Kanal Wolfgang Bahro (Datenschutzerklärung)

Kommentare 1

  1. Ein wirklich sehr gutes Interview. Zeigt sich hier ein Mann (Hr. Wolfgang Bahro) aus der Medienlandschaft und dem öffentlichen Leben als Vorbild. Und zwar in dem, was er an intelligenten und nachdenklichen Kommentaren bezüglich menschlichem Miteinander und dem Umgang mit den Medien mitteilt. Ohne mahnenden Finger. Er sagt, wie es ist.
    Die Medien sind so, wie sie sind. Unsere Aufgabe ist es sie vernünftig zu nutzen.
    Und Kinder und Jugendliche im Umgang mit den Medien zur Seite stehen. Dazu gehören neben dem Fernsehen eben gerade das Internet. Inklusive den sozialen Netzwerken, die eben nicht immer sozial sind. Sowie Browserspielen, bei denen interaktiv Spieler auch miteinander kommunizieren. Dort erlebt man nämlich genauso viele soziale Inkompetenz und Entgleisungen, wie im realen Leben.

    Vielen Dank an die Verantwortlichen vom WINKELMASS und Herrn Bahro für dieses Interview.

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