Am See

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von Dr. Alexandra Schneider

Mit meinen Gedanken tief in ein interessantes Buch vergraben, genieße ich die letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses späten Sommertages an einem menschenüberfüllten Baggersee.

Erquickliche Kinderschreie, die in rhythmischem Echo hin und her schallen scheinen meine Entspannung nicht zu stören. Ab und zu gesellt sich eine kleine Fliege zu mir und nascht von den salzigen Wassertropfen auf meiner verschwitzten Haut. Ich versuche mit kurzen und schnellen Bewegungen diese lästigen Tierchen zu vertreiben und lege mich wieder entspannt auf die Liege zurück, währenddessen sich meine Eltern beim Kiosk in der Nähe eine kleine Erfrischung gönnen.

Plötzlich übertönt ein lautes, panikartiges Gebrüll aus dem See die Kinderschreie. Eine junge, schwangere Frau, scheint sich wohl etwas zu weit ins tiefe Wasser gewagt zu haben und findet nun keine Kraft mehr um zurück ans Ufer zu gelangen. Sie rudert unkoordiniert mit ihren Händen, schreit und droht dabei jämmerlich zu ertrinken.

Einige Badegäste beobachten dieses Spektakel ganz interessiert vom Ufer aus, andere lassen sich beim Schwimmen durch so ein kleines Intermezzo nicht stören und ziehen weiter ihre Runden. Aufgeregte Kinder holen ihre Eltern und rufen dabei laut: “Da ertrinkt gerade eine Frau im See!“ Am Seeufer bildet sich eine lange Mauer gaffender Menschen, die sich unterhalten und diskutieren, was man wohl am besten machen sollte.

Von dieser eigenartigen Stimmung aufgerüttelt, lege ich mein Buch zur Seite und wandere in Richtung Menschenmenge. Ich schlüpfe zwischen die staunenden Badegäste hindurch und sehe die ertrinkende Frau. Mit einem verwunderten Blick betrachte ich die leeren, teilnahmslosen Gesichter der Menschen, die regungslos am Ufer stehen und springe ohne lange zu überlegen zur Ertrinkenden ins Wasser.

  • Offensichtlich habe ich diesen Schritt, ohne dabei etwas über die erste Erkenntnisstufe zu wissen, gemacht. „Schaue in dich.“ Erkenne deine Stärken, aber auch deine Schwächen, deine Grenzen und auch die Konsequenzen, die aus deinen Handlungen erwachsen.

Ich schwimme zur Schwangeren und vergesse dabei, dass ich erst zehn Jahre alt bin und keine Ausbildung als Rettungsschwimmerin vorzuweisen habe.

Die schreiende Frau schlägt in ihrer Panik wild um sich und schlingt ihre kräftigen Arme um meinen Hals. Mit einem Ruck springt sie mir auf den Kopf und drückt diesen tief unter die Wasseroberfläche. Ihre Oberschenkel umklammern meinen zierlichen Kinderkörper wie eine Würgeschlange und halten ihn fest im Griff. Jedes Mal, wenn ich an die Oberfläche gelange, sehe ich das panische Gesicht der Frau und glotzende Badegäste, die mit den Fingern auf uns beide zeigen.

  • „Schaue um dich.“ Erkenne den Zusammenhang zwischen dir und deiner Umwelt; wie du auf andere wirkst und wie du auch ihr Leben durch dein Wesen und deine Handlungen beeinflusst.

Ich schnappe verzweifelt nach Luft und werde sogleich wieder nach unten gedrückt. Irgendwann bin ich so lange unter Wasser, dass ich voller Entsetzen versuche mit meinen Beinen in Richtung Ufer zu strampeln. Ich sinke dabei tiefer und immer noch tiefer ins dunkle Nass und merke, dass sich die tödliche Umklammerung allmählich löst.

Mit einer eigenartigen inneren Ruhe tauche ich weiter in die Tiefe des Sees hinab. Meine anfängliche Atemnot verschwindet und die panikartigen Bewegungen werden immer ruhiger und entspannter. In dieser allesumfassenden inneren Einkehr öffnet sich plötzlich unter meinen Beinen ein großer mit Licht erfüllter Raum. Ich habe  das Bedürfnis zu ihm hinunter zu schwimmen und glaube unter Wasser atmen zu können. Ich verspüre Wärme und Geborgenheit während mein Körper von hellen und dünnen Strahlen durchflutet wird. Ich fühle mich frei wie ein Fisch im Wasser.

  • Auf einmal packt mich eine kräftige Männerhand am Schopf und zieht mich aus diesem wunderschönen Traum, wie ein Neugeborenes aus dem Mutterleib. „Schaue über dich.“ Stirb und werde als neuer Mensch geboren.

Ich versuche noch einmal wieder unter die Wasseroberfläche zurück zu gelangen, zurück zu diesem Paradies, aber es scheint bereits zu spät zu sein – ich werde soeben vor meinem Ertrinkungstod gerettet. Ich erblicke einen älteren Mann von kräftiger Statur, der mich aus dem Wasser hebt; neben ihm meine verzweifelten Eltern und am Boden kauernd die schwangere Frau.

Seit diesem Erlebnis bin ich nicht mehr der gleiche Mensch wie vorher. Es kommt nicht oft vor, dass man an einem Tag alle drei Erkenntnisstufen durchlebt. Ich habe jetzt sehr großen Respekt vor dem Leben aber auch keine Angst mehr vor dem Tod.

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